Drachen im Wettbewerb   
von H. Neumann 1954 

 

In den Jahren 1949 und 1952 veranstaltete der Münchner Merkur Wettkämpfe für die Jugend mit Drachen aller Art, wobei eine Teilnehmerzahl von 1164 Bewerbern, darunter 200 Mädchen zusammenkam. Zeitweilig standen
so viele Drachen in der Luft, daß der Himmel am hellen Tage wie mit Sternen bedeckt aussah. Das dieser gute
Gedanke nicht auch in anderen Städten aufgegriffen wurde, erscheint uns verwunderlich; denn der Bau von
Drachen erfordert weniger Mühe als die Anfertigung von Flugmodellen. Es ist möglich, Drachen genau so
zerlegbar zu konstruieren wie Flugmodelle, so daß der Einwand Drachen lassen sich infolge ihrer Größe schlecht
transportieren kaum Geltung haben dürfte.
Wie man einen Wettbewerb mit Drachen oder Windvögeln machen kann, soll uns der Aufsatz unseres Drachenspezialisten zeigen. Der Drachensport schleppt in einer permanenten Flaute. Frischer Wind kann vorerst nur aus der Richtung einer Wettbewerbsanregung kommen. Erforderlich wären allerdings auch handliche Richtlinien für die Bewertung drachentechnischer Leistungen.

  


Wie wird zum Beispiel ein Drachen-Wettbewerb an die Haspel genommen?
Die technische Grundform der- Ausschreibung ist diese:

Gestartet wird in vier Klassen: 
 
Klasse A: bis 10 Jahre          mit 100 m Schnurlänge
Klasse B: 11 bis 13 Jahre     mit 200 m Schnurlänge
Klasse C: 14 bis 17 Jahre     mit 300 m Schnurlänge
Klasse D: über 17 Jahre       mit 500 m Schnurlänge
 
Die auf der Haspel befindliche Schnurlänge muß der betreffenden Klasse entsprechen, darf nicht länger und nicht kürzer sein (auf einem halben Meter mehr oder weniger so es nicht ankommen und wird vor dem Start vom Schiedsrichter nachkontrolliert. Entscheidend für den Sieg ist der Höchststand nach Abtaut der vorher angesagten und reichlich bemessenen Flugzeit (zwischen 2 und 10 Minuten) bei voll ausgefahrener Schnurlänge. Grundsätzlich freigestellt sei jedem Teilnehmer mit welchem, oder mit wie vielen Drachen er ankommt, wie groß der im Wettkampf verwendete ist und ob es sich um einen Flach oder Kastendrachen handelt. Freigestellt sei auch die Machart, die Bauweise und jede originelle Besonderheit, solange es sich um Drachen handelt, also um Fluggebilde ohne zusätzlichen Hilfsantrieb, die mit einer Schnur gegen den Wind gezogen werden. Freigestellt sei außerdem die Bauweise der Haspel und ebenso das Schnurmaterial, gleich ob es sich um Hanf, Perlon oder Stahldraht handeltDiese Großzügigkeit im Weglassen jeglicher Baubegrenzung ist nicht so weitgehend wie man im ersten Augenblick annehmen könnte. Der Vogel hängt nämlich an der Strippe und diese ist ja bereits vermessen. Beim Drachen ist die Schnurlänge bereits die Type. Würde man hier außer bei der Schnurlänge auch noch zwischen Typen unterscheiden, würde das vorweg eine Überbestimmung bedeuten. Eine Bauvorschrift bezüglich der Flächenbelastung ist ebenso überflüssig, weil ein Drachen bei 5 g Belastung pro Quadratdezimeter wenig Aussicht auf Erfolg hat. Eine stabile Bauweise zwischen 2,5 und 3, 5 g/dm2 Flächenbelastung bezogen auf das Eigengewicht (die Flächenbelastung im Flug ist schon bei normalem Wind viel höher, sie schwankt grundsätzlich und richtet sich nach dem Wind) hat die besten Aussichten bezüglich der ausnehmend breiten Skala der Windmöglichkeiten. Für mögliche Flauten genügt auch dieses Gerät nicht mehr. Hier hilft nur das Bereithalten einer Leichtkonstruktion unter 2 g/ dm2. Der Wind ist für den Flugtag nicht vorbestimmbar, er kann sanft sein, stetig, kräftig, aber auch böig, bockig bis stürmisch. Dem Drachen-Wettbewerbler muß deshalb für den Augenblick seines Durchganges völlig freie Hand gelassen werden, sich mit der jeweiligen Windlage auseinanderzusetzen.
Alle Drachenformen und Größen fliegen unmittelbar nebeneinander, allerdings mit gleicher Schnurlänge.
Der Teilnehmer meldet sich nicht mit einer bestimmten Bauart an, sondern für eine bestimmte Distanz.
Die Bodenentfernung zwischen einer Start- und einer Ziellinie beim Drachen-Wettsteigen ist von grundsätzlich
untergeordneter Bedeutung.Daß wir die Schnurlängen mit Altersklassen gekoppelt haben - z. B. Klasse C von 14 bis 17 Jahre - ist lediglich Sache handlicher, natürlicher Zuordnung und vermeidet außerdem Gewinnramscher. 

    


Für die Abwechslung eines Drachenwettbewerbes gehören noch so einige Verhaltungsgrundsätze für den
S c h i e d s r i c h t e r :
 
  1. Um den Teilnehmern und den Zuschauern von vornherein eine geregelte Wettbewerbsführung zu zeigen, wird
      von einer gemeinschaftlichen Startlinie aus aufgestiegen.
  2. Fehlstart schließt nicht aus, gehört aber auf Kosten der Zeit des Betreffenden.
  3. Schnurverwicklungen untereinander sollen nicht zur Ausscheidung der Betroffenen führen.
  4. Bruch beim Start oder in der Luft, oder Reißen der Schnur vor dem Schlußpfiff bewirkt allerdings den Ausfall
      aus dem Rennen; denn ausgewechselt werden darf der beschädigte Drachen mit einem anderen während des
     Durchganges nicht.
  5. Starthilfe von anderer Seite ist erlaubt, auch das Zuhilfekommen an der Haspel.
  6. Während des Durchganges deutliches Durchsagen der noch zur Verfügung stehenden Flugzeit durch den
      Schiedsrichter.
  7. Nun kommt der entscheidende Augenblick; die Flugzeit ist beendet: Alle im Rennen Stehenden haben sich
      bereits auf einer deutlich markierten Ziellinie eingefunden, ebenso der Schiedsrichter.
  8. Die Entscheidung wird grundsätzlich in stehender Weise abgewartet. Keine Haspel ist mehr in Tätigkeit, bei
      sämtlichen ist die Schnur ganz ausgefahren.
  9. Nur bei völliger Flaute wird mit den Haspelträgern eine im Gehschritt fortschreitende Front gebildet und
      daher aus bewertet.
10. Ein Mätzchen ist dieses: Bin Teilnehmer läuft noch kurz vor Zeitschluß in dieZiellinie, um seinen Drachen
      hochzureißen. Der Schiedsrichter hat des Recht, die Beruhigung dieses Drachens
      noch abzuwarten, um die Plätze zu bewerten.


    

Wenn alle Drachen im gleichen, Durchgang mit gleicher Schnurlänge fliegen, steht derjenige am besten, der auf
Grund seines drachentechnischen Vermögens am steilsten steht. Das Steilstehen also, welches unmittelbar den
Gesamt-Gütegrad der Dracheneinheit (Drachen und Schnur) wiedergibt, wird beim Fliegen mit gleicher
Schnurlänge als Höhe ablesbar. Die Zurechtlegung hierfür zeigt die beigegebene Abbildung: Alle vier Teilnehmer
befinden sich auf der Ziellinie Z. Von hier aus erscheint der oberste Drachen in Richtung a, der nächste in Richtung b usw. Im Blickfeld von Z aus (linkes oberes Bild) - das ist nicht die Projektion der Drachenstände in die
Senkrechte - erscheinen die Aufgestiegenen als Richtungspunkte, zwar in der Breite auseinandergezogen, doch
von oben nach unten deutlich gestaffelt. Durch Anvisieren mit einem waagrecht gehaltenen Stab können die Plätze
einwandfrei ausgemacht werden. Die Höhe darf nicht durch die Größe der Drachenkörper beurteilt werden. Auch nicht die Steilheit der von der Haspel wegführenden Schnur ist entscheidend; außerdem ändert sich diese viel
schneller als der Stand des Vogels als Blickpunkt.Die Zulassung sieht keine Beschränkung bezüglich des Schnurmaterials vor und läßt Perlon oder gar (wenn sich ein Teilnehmer darauf versteift) Gummischnur ohne Beanstandung mitfliegen. Dieser Fall von dehnbarem Material liegt in der Abbildung bei Drachen B vor und wird durch Stellung 1 und Stellung 2 wiedergegeben. Im letzteren Fall hat sich die Schnur durch den Drachenzug gedehnt. Diese Schnur ist damit in ihrem Gesamtgewicht weder schwerer geworden, noch hat sich ihr Gesamt-Luftwiderstand geändert. Sie ist zwar dünner geworden, dafür aber auch länger. Also hat sich das Gesamtkräftespiel (Drachen und Schnurkräfte) nicht geändert.

Ergebnis:
Stellung 1 und 2 liegen von Z aus gesehen in der gleichen Richtung, sind also in der Bewertung ohne Unterschied. Der Drachen B in Stellung 2 fliegt keineswegs höher als in Stellung 1 und erreicht keinesfalls die Leistung von A.Grundzug der Bewertung eines Drachens ist also nie seine absolute Höhe, sondern sein Stehstehvermögen bei
bestimmter Schnurlänge. Auf dieser Einsicht soll der Wettbewerb aufgebaut werden. Wie er dann programmäßig
und organisatorisch als unterhaltende und fesselnde Vorführung ausgestaltet wird, sei dem Unternehmenden selbst
überlassen.