Brieftauben, Drachen und Raketoplan



Es kam mal wieder Post ins Haus, aber diesmal war es ein besonderes Paket wie es sich zeigen sollte.
Auf einen Bericht von mir in einer Drachenzeitschrift meldete sich ein alter Drachen und Flugzeugbauer und in seinen diversen , Alten Unterlagen " die mich diesmal erreichten, befand sich eine Zeichnung einer Drachenfähre aus dem Jahre 1913.
Nun wurde mein Interesse geweckt, wer, was und wo wurde mit dieser Drachenfähre gearbeitet.



Was stellt man nicht alles so an um seine Neugier zu stillen.
Also zum Telefon gegriffen und die Auskunft angerufen, um zu erfahren, wer steckt hinter dem Namen Carl Neubronner aus Kronberg / Ts.
Die mir mitgeteilte Telefonnummer wurde auch gleich gewählt, eine Frauenstimme meldete sich am anderen Ende der Leitung.Ja, mein Mann hat sich damals mit der Fliegerei und Drachen beschäftigt, wenn sie möchten kann ich ihnen meinen Mann an das Telefon holen.Nun war ich sprachlos, Carl Neubronner, 101 Jahre alt, kam an das Telefon und wir unterhielten uns eine Welle über Drachen, Luftbildaufnahmen und den " Raketoplan ".



So etwas Schönes erfährt man selten und so meine ich, daß dieser Bericht den Drachenfreunden nicht vorenthalten werden sollte.
Schon früh war Carl Neubronner, geb. 1896, von der Luftfahrt begeistert, die gerade erst begann. Er stammt aus einer Familie, die sich seit drei Generationen mit dem Fliegen befaßt.
Schon der Großvater führte die Brieftaubenpost ein. So gab der Apotheker dem Arzt einige Brieftauben mit auf den Weg wenn er seine Patienten besuchte. In den abgeschnittenen Fingerkuppen eines Lederhandschuhs steckte der Arzt das ausgeschriebene Rezept und schickte die Brieftaube anschließend auf den Weg. Der Apotheker konnte so schon nach kurzer Zeit das bereits fertig gemischte Medikament für den Boten bereit stellen.

Der Sohn Julius Neubronner machte 1904 , Luftaufnahmen mit selbstgebauter Kamera " (sie wog ca. 50 Gramm) und war mit Selbstauslöser versehen. Diese Luftaufnahmen wurden aber nicht mit dem Drachen gemacht sondern mit Brieftauben, denen die Kamera umgebunden wurde.
Eine patentamtliche Anmeldung wurde verweigert wegen ,Unmöglichkeit". Erst beglaubigte Bilder von Frankfurt überzeugten die Beamten.
1909, anläßlich der Internationalen Luftfahrtausstellung in Frankfurt, erhielt Dr. Neubronner die „ Silberne Brieftaube " weil es ihm gelang ein Foto, die Wäsche einer Hausfrau in Eschborn war das Motiv, in zwei Kilometer Entfernung mit einer Brieftaube aufzunehmen.
Wen wundert es also, daß im Jahre 1912 Carl Neubronner, im Alter von 16 Jahren, mit dem von ihm entwickelten raketengetriebenen Flugmodell „ Raketoplan " an einer Flugmodell -Ausstellung teilnahm.
Die Bezeichnung, „ Raketoplan " wählte mein Großvater, weil die ausländischen Bezeichnungen damals üblich waren. Man sprach vom Aeroplan, meinte das Flugzeug und nannte den Aviatiker das, was man heute unter Piloten versteht. Ein Eindecker war ein Monoplan, deshalb nannte sein Großvater das Modell damals 1. Raketoplan", was übrigens von allen damaligen Stellen anstandslos anerkannt wurde.

Den Raketenantrieb, damals eine neuartige Methode ein Flugzeug anzutreiben,
wählte er statt des üblichen damals bekannten Gummimotor. Das Gerät von Carl Neubronner wurde aber nicht als Flugmodell anerkannt. Er wurde nicht zum Wettbewerb zugelassen, „ da es keinen Propeller hatte ". Er erhielt nur eine Anerkennungsurkunde, die heute noch erhalten ist.



Als 1910 der Halleysche Komet die Welt in Unruhe versetzte, ließ er nachts zusammen mit Freunden einen Lampion an einem Drachen in die Lüfte steigen, um die Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg: Nur eine Haushälterin so erfuhr Neubronner später stürmte in das Schlafzimmer ihres Arbeitgebers und beschwor ihn, auf dem Balkon zu gehen - und zu beten.
Er ließ sich aber in seinen weiteren Entwicklungen nicht aufhalten. Bereits im Jahre 1913 baute er eine Drachenfähre (ca. 1 meter groß) aus Holz, an der er einen Fotoapparat befestigte und auf der Drachenleine bis zu einem auch aus Holz gefertigten Prellbock, der auf der Leine verknotet war, zu einen einfachen Eddy-Drachen aus Papier hochgleiten ließ.
Von dort konnte er immer nur eine Luftbildaufnahme machen, anschließend mußte eine neue Platte in die Kamera eingelegt werden. Das Segel (ca.1 meter Spannweite) klappte zusammen und die Kamera wurde ausgelöst wenn die Drachenfähre an den Prellbock anstieß. Honoriert wurde diese Idee mit einem Diplom der Vereinigung der Luftfahrt von Hessen. Im ersten Weltkrieg war Carl Neubronner Ballonbeobachter und hat dort sicherlich einige gefährliche Stunden im Ballonkorb verbracht.Inzwischen sind die Pioniertaten von Carl Neubronner Vergangenheit und viele Nachbauten des 1. Raketoplan sind in verschiedenen Luftfahrtmuseen in aller Welt zu sehen. So ist auch ein Modell im Deutschen Museum in München zu sehen.Wir wünschen Carl Neubronner für die Zukunft noch viel Gesundheit und eine schöne Zeit mit seiner Familie.