Drachenfan seit 60 Jahren

Werner Ahlgrim

aus Bremerhaven


Als vor zwei Wochen in Kiel ein großes Drachenfest über die Bühne ging, dürften sich manche Leute gewundert haben. Gewundert darüber, daß ein Stammgast fehlte. Einer, der bei Drachenfesten sonst immer dabei ist, der Bremerhavener
Werner Ahlgrim. Der allerdings hatte einen guten Grund, nicht zu der Veranstaltung nach Kiel zu fahren.
Werner Ahlgrim feierte seinen 70. Geburtstag.
Rund 60 der 70 Jahre, auf die Werner Ahlgrim an dem Wochenende zurückblickte, begeistert der Bremerhavener aus der Eichendorffstraße sich für ein Hobby, das zur Zeit immer mehr Freunde findet: das Bauen und Steigenlassen von
Drachen.
Bereits als Junge war Werner Ahlgrim fasziniert von den ursprünglich in China entwickelten Fluggeräten. Mit zehn Jahren baute er seinen ersten “Eddy”, einen Rautendrachen mit Schwanz, der sich allerdings nur mäßig in den Himmel über dem mecklenburgischen Neustadt-Glewe, Werner Ahlgrims Geburtsort, erhob. Aber ein Anfang war gemacht. Und nach mehreren Fehlstarts flog der Ahlgrimm - Erstling schließlich doch noch.


Werner und Kara Ahlgrim 1951 in Bremerhaven.

Richtig erwischt hat das Drachenfieber den Bremerhavener in Hamburg. Dort lebte seine Schwester, der er im Jahre 1934 als 12jähriger Steppke in den Ferien einen Besuch abstattete. Die Wohnung lag genau neben dem Heiligengeistfeld, auf dem die Hamburger vorzugsweise ihre Drachen steigen ließen.
Erstmals sah Werner Ahlgrim hier, daß sich auch Erwachsene mit Drachen beschäftigten. Sie ließen große Eddys und Roloplans, Stoffdrachen mit zwei oder drei Segelteilen, die die Firma Steiff baute (mit dem obligatorischen Knopf im Segel), steigen. Werner Ahlgrim war begeistert. Schon bald baute er seinen ersten eigenen Roloplan. Ein Original Steiff - Modell aus den 60er Jahren hängt noch heute unter der Decke seiner Drachenwerkstatt.
Nach der Schule fuhr Werner Ahlgrim zur See, wurde im Krieg zur Handelsmarine eingezogen, musterte 1945 in Bremerhaven ab und blieb in der Seestadt. Das Baumaterial für seine Drachen war knapp in dieser Zeit. Werner Ahlgrim lernte zu improvisieren. Segelstoff gab es nicht, also besorgte der Drachenfan sich Mehlsäcke der Amerikaner. Das war ganz feiner Baumwollstoff. Und die Aufschrift ließ sich leicht auswaschen, schmunzelte er.
Heute steht seine Werkstatt voll mit den verschiedensten Drachen.
J
edes Modell hat er wenigstens einmal gebaut in den vergangenen Jahrzehnten. Nicht alle flogen auf Anhieb.
Ich probier dann so lange, bis es klappt", sagt Werner Ahlgrim. Mittlerweile ist sein Erfahrungsschatz so groß, daß er
selbst die kniffeligsten Probleme Iösen kann. Jüngere Piloten profitieren davon, denn sein Wissen gibt Werner Ahlgrim beim Fachsimpeln auf der Wiese gerne weiter.
In der Drachenszene in ganz Deutschland ist der Bremerhavener bekannt. 1983 gründete er zusammen mit anderen Drachenfans den Drachenclub Deutschland (DCD).
Bei Drachenfesten ist der Bremerhavener, der bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1982 als Stauer im Hafen arbeitete, Stammgast. Regelmäßig fahrt er zum Beispiel auf die dänische Insel Fano, wo alljährlich das größte Drachenfest über die Bühne geht. Seine Frau Karla fliegt und baut zwar selbst nicht (,,das ist mir zu kniffelig"), begleitet ihren Mann aber jedesmal.
Daß Werner Ahlgrim bei allen Drachenfesten der Älteste ist, stört weder ihn noch die jüngeren Piloten.
Im Gegenteil: Die finden es klasse, daß ich immer noch dabei bin. “Wir verstehen uns alle gut."
Treugeblieben ist Werner Ahlgrim in all den Jahren dem einleinigen Standdrachen. Mit den schnellen, häufig lauten Lenkdrachen hat er nichts im Sinn. Man kann so schon träumen, wenn so ein Einleiner in der Luft steht. Und vielleicht erinnert mich das auch ein bißchen an meine Kindheit, begründet das Werner Ahlgrim. Sein Lieblingsdrachen ist immer noch der Roloplan.
Neben den vergleichsweise einfachen Steiff - Modellen hat der Bremerhavener aber auch schon wesentlich kompliziertere Drachen gebaut, um die ihn bei Drachenfesten viele beneiden - den in England entwickelten Invader zum Beispiel oder den französischen Lecornu, den Werner Ahlgrim auf Fano für eine Versteigerung stiftete.
Stolze 2225 Mark brachte der aufwendige Kastendrachen ein. Das Geld wurde anschließend für einen guten Zweck verwandt.


So kennen wir Werner !

Ansonsten gibt Werner Ahlgrim seine Drachen eher ungern weg. Nur manchmal macht er Ausnahmen. Und gelegentlich baut er sogar von vornherein für andere. Als seine Enkelin noch kleiner war, bastelte er zwei Drachen für das Mädchen - nicht so aufwendige wie den Invader oder den Lecornu, dafür aber mit einer freundlich lächelnden Biene Maja und ihrem Freund Willie auf dem Segel.

Aus: Nordsee-Zeitung, Juli 1992.