Das Drachenautomobil


des

Königlichen Aeronautischen Observatoriums Lindenberg


Die moderne Erforschung der Atmosphäre mittels Drachen und Fesselballonen, die an starken aber tunlichst dünnenStahldrähten aufsteigen, bedingt neben ihrem eminenten Wert für die Wissenschaft und die praktische Luftfahrt gewisse nicht unerhebliche Gefahren, teils für die Luftfahrt selbst, teils für die nähere und fernere Umgebung der Observatorien, an denen diese Aufstiege ausgeführt werden.
Um die Luftfahrt vor diesen Gefahren zu schützen, werden in Lindenberg funktelegraphische Warnungen abgegeben,
und in der Nacht sind Leuchtfeuer in Tätigkeit, welche die Gefahrenzone erkennen lassen.
Um die Gefahren zu vermindern, welche aus dem nicht zu vermeidenden Herabfallen abgerissener Drachendrähte auf
Chausseen und solche Wege, die einem Schnellverkehr, besonders mit Automobilen, dienen, entspringen, sind bis zur
Entfernung von 10 km Schutzdrähte an beiden Seiten dieser Verkehrswege angebracht, die ein Herabfallen des
Drachendrahtes auf das Planem verhindern.
Trotzdem ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß ein zwischen den Schutzdrähten herabhängender Drachendraht
die Insassen eines schnellfahrenden Automobils gefährdet, weshalb es gilt, den Draht so schnell als möglich zu entfernen.
Zur Ermöglichung dieser unter Umständen sehr wichtigen Aufgabe hat die Finanzverwaltung dem Aeronautischen
Observatorium Lindenberg die Mittel zur Beschaffung eines Automobils zur Verfügung gestellt, dessen Einrichtung das
Interesse der Luftfahrer erwecken dürfte, und das deshalb hier kurz beschrieben werden soll.
Eine normale Limousine der Firma Adam Opel von 25 PS ist, wie die Abbildung erkennen läßt, in ihrem vorderen Teil
durch zwei schräg ansteigende Messingstangen gegen das Einfangen eines gespannten Drahtes geschützt, der an diesen
Stangen nach oben abgleiten würde.




Der erste Opel mit Drachenwinde und Azumitrolle.




Der zweite Opel mit aufsteigenden Messingstangen für die Drahtsuche.

Da es sich aber nicht darum handelt, das Automobil vor dem Draht zu schützen, sondern denselben aufzufinden, selbst wenn er von dem Wagen nicht berührt wird, ist eine bis nahe an den Erdboden reichende leichte Stange angebracht, die noch 3 m über das Verdeck emporragt und in einem stumpfen Haken endigt. Am Vorderrande des Verdecks ist sie in einem Gelenk beweglich und wird in aufrechter Stellung durch eine starke Gummikordel gehalten.
Sobald der Wagen gegen einen quer verlaufenden Draht stößt, gleitet dieser an der Stange in die Höhe und klappt die
Schutzstange unter Überwindung der Gummikordelspannung nach hinten um, wobei ein Glockensignal ertönt, das den
Wagenführer benachrichtigt, der nun halt macht und durch langsames zurückfahren den Draht aufsucht.
Nunmehr wird die am hinteren Teile des Wagens angebrachte Drachenwinde, deren Ausleger mit der Rolle bis dahin
auf dem Verdeck verstaut war, fertiggemacht, das rechte Hinterrad durch untersetzen einer Wagenwinde vom Erdboden
abgehoben und durch eine Wagenstütze in dieser Stellung erhalten.
Ein an dessen Achse angebrachtes Kettenrad wird durch Überlegen einer Kette mit dem Kettenrad der Winde
verbunden und der abgeschnittene Draht auf der Windentrommel befestigt. Durch einschalten des Motors wird nun
der Draht auf die Trommel aufgewickelt, wobei auch Drachen, die noch in der Luft stehen, herabgeholt werden.
Die Spezialkonstruktion des Wagens ist von Firma Adam Opel in zweckmäßigster Weise nach den Angaben des
Observatoriums ausgeführt worden.
Die Drachenwinde stellt einen durchaus neuen Typ dar, der gleichfalls nach dem Plane des Observatoriums von der
Maschinenfabrik von Hugo Eulitz, Berlin S.59, Schinkestr 8-9, in vorzüglichster Weise ausgeführt worden ist.
Durch diese Konstruktion ist zugleich die schon empfundene Lücke ausgefüllt worden, die in dem Fehlen einer
Expedition geeigneten Drachenwinde bestand. Es scheint mir deshalb geboten, alle Interessenten auf diese neue und
überaus zweckmäßige Winde besonders aufmerksam zu machen.Übrigens ist die Winde wie auch die Schutzstange in kurzer Zeit abzunehmen, so daß das Automobil wie eingewöhnlicher Wagen benutzt werden kann.Eine unter Umständen sehr wichtige Verwendung des Drachenautomobils für die Herrichtung einer "fliegendenDrachenstation" macht dasselbe auch für militärische Zwecke geeignet.

aus
Deutsche Luftfahrer - Zeitschrift, 1914
von Dr. Richard Assmann