Das Drachensteigen in Japan

Ausschnitt aus dem Bericht (1914)

" Der Papierdrachen in Japan von W.Müller "

Im Jahre 930 Lernten spätestens die Japaner von den Chinesen den Flächendrachen kennen und zwar nachAnsicht eines Tokioter Geschichtsforscher.Heinz Lüdecke schreibt in seinem Buch " Vom Zaubervogel zum Zeppelin "folgendes in dem Artikel:Ursprung und Entwicklung des Drachen und seine Verwendung im Altertum.Eine Geschichte des japanischen Drachens existiert nicht. Nur soviel steht nach Ansicht einer japanischen Autoritätin Drachenfragen (Professor N. Koda in Tokio) fest, daß er in Japan schon seit über 1000 Jahren bekannt ist.
Hierauf läßt auch die Tatsache schließen, daß er in altjapanischen Sagen bereits eine Rolle spielt. So soll
Minamoto no tametomo, ein Held des 12. Jahrhunderts, von der Insel Oshima, wo er in Verbannung lebte,
sein Söhnchen mittels eines großen Drachens nach Kamakura gesandt haben.
(Dies berichtet der japanische Romanschriftsteller Bakin Takizawa.)
Die alte Bezeichnung Shiroski (Shi = Papier, roh = alt, Ski = Ende. In einem alten japanischen Wörterbuch von930 n. Chr. wird das Wort Shiroski zum ersten Male erwähnt) läßt vermuten, daß er zuerst von China nach Japan
gekommen ist.In einem alten Geschichtswerk über Nagasaki (Nagasaki Sajiki, erschienen in der Tokugawaperiode) wird auchbereits der Drachenkämpfe auf dem Kompiraberg Erwahnung getan. Derselbe Chronist zählt ferner die verschiedenen Drachenarten auf, die seinerzeit in Nagasaki in Gebrauch waren, unter denen sich auch der sogenannte Baramon (japanische Bezeichnung für Bramane) befunden habe. Von letzterem heißt es, daß er von den Indern eingeführt sei,die in Begleitung der Holländer nach Deshima kamen. Hierzu sei noch bemerkt, daß in einem kleinen buddhistischen Tempel Nagasakis, Yoanji genannt, auch heute noch an der Decke ein Ungeheurer Baramon hängt, den die Priester früher bei gewissen Tempelfesten steigen ließen. Ein zum Tempelschatz gehöriges Kakemono veranschaulicht eine derartige Feier. Hieraus geht hervor, daß der Drache, ähnlich wie bei den Maoris, in früheren Zeiten auch in Japan eine religiöse Bedeutung gehabt hat. Gleiches gilt auch von dem erwähnten Wand Wand, den der Baumeister Mataemon zum ersten Male im fünften Jahre der Periode Genroku (1693) bei der Gelegenheit der Einweihung der Haupthalle des Tempels Narutosan Rengeji im Dorfe Okazaki steigen gelassen haben soll. Auch die Holländer sollen auf die Entwicklung des Drachensports in Nagasaki einen großen Einfluß ausgeübt haben,worin die Tatsache ihre Erklärung findet, daß die dortigen Drachen auch heutigen Tages noch mitunter die holländischenNationalfarben tragen.Seit wann die Sitte des Drachenkampfspieles besteht, entzieht sich der Feststellung. Nur soviel ist bekannt, daß bereitswährend der Tokugawaperiode (1600 bis 1868) die Shogune, damals die eigentlichen Beherrscher des Landes, während der Neujahrszeit unter ihren Pagen derartige Turniere veranstalteten, bei denen vom Shogun gestiftete Preise wie Schwerter, Dolche und Medizinbüchsen (inro) zur Verteilung gelangten.
Besonderes Interesse dürfte aber in unserem Zeitalter der Flugschiffahrt die Tatsache bieten, daß der japanische Drachen seit alters her keineswegs nur Spiel und Sportzwecken gedient hat, sondern gleichzeitig auch als Flugfahrzeug verwandt worden ist. So berichten ernsthafte japanische Chronisten, daß er nicht selten in der Kriegsführung, und zwar für den Aufklärungsdienst, in der Weise Verwendung gefunden habe, daß beherzte Männer auf großen Drachen ins feindliche Lager geflogen seien, um die Stellung des Gegners auszukundschaften. Unter anderem wird erzählt, daß unter der Herrschaft des dritten Tokugawa Shoguns, also vor etwa 300 Jahren, der durch eminente Gelehrsamkeit und große Kriegstüchtigkeit gleich ausgezeichnete Japaner Yui no Shosetsu den Plan gefaßt habe, die Tokugawa Herrschaft zu stürzen und daher eines Tages zu Spionagezwecken auf einem gewaltigen Drachen bis zu dem Teile des Shogunpalastes in Yedo (Tokio) vorgedrungen sei, der zwischen Honmaru und Nishimaru liegt. Kein gelinder Schrecken soll ob dieser kühnen Luftreise den Shogun samt seinem Hofe ergriffen haben, und es wird berichtet, daß der Bau von größeren als Vier Bogen Drachen fortan bei Todesstrafe verboten wurde. Yui no Shosetsu wurde später ergriffen und mußte Harakiri machen. Geradezu ein Meisterstück der Aviatik wird dem allbekannten Räuberhauptmann und Rebellenführer Ishikawa Goyemon (nach einer Version soll der Dieb der drei goldenen Flossen Kakinoke Kiuske geheißen haben) zugeschrieben, der zu Hideyoshis Zeiten, also Ende des 17. Jahrhunderts, lebte.
Bekanntlich stehen auf dem Turme des Schlosses von Nagoya zwei gigantische goldene Delphine. Um sich nun die erforderlichen Mittel für eine Expedition zu verschaffen, kam Ishikawa auf den originellen Gedanken, sich der Delphine zu bemächtigen. Er bestieg daher einen großen Drachen, mit dessen Hilfe es ihm gelungen sein soll, drei goldene Flossen zu entwenden. Indessen fand sein räuberisches Heldenstück bei seinen Zeitgenossen augenscheinlich keine besondere Anerkennung, denn er wurde ergriffen und samt seiner Familie in Öl gekocht. Sogar zu technischen Zwecken soll der Drachen in alten Zeiten bereits Verwendung gefunden haben. Die Geschichte, deren Held der durch große Geschicklichkeit und erfinderisches Talent ausgezeichnete Japaner Kawamura Zuiken ist, lautet in fast wörtlicher Übersetzung wie folgt:
,,In alten Zeiten war einmal von einem großen Tempel ein Dachziegel heruntergefallen.Da rief der Oberpriester einen Baumeister herbei, um ihm die Ausbesserung aufzutragen. Sprach der Baumeister:" Da das Dach sehr hoch und mit einer Leiter nicht zu erreichen ist, so bleibt nichts anderes übrig, als ein Gerüst aufzustellen. Wenn ich daher nicht etliche zehn Goldryo (altjapanische Goldmünze) bekomme, kann ich's nicht übernehmen."
Damals aber lebte ein Mann namens Kawamura Zuiken. Als diesem die Antwort des Baumeisters zu Ohren kam,lachte er und sagte: Wahrlich, es gibt doch törichte Menschen.Wenn ich's wäre, wollte ich's für 45 Ryo übernehmen. Als das dem Priester gemeldet wurde, dachte er bei sich, daß es wohl unmöglich sei. Schließlich aber entschloß er sich, einen Versuch zu machen und übertrug Zuiken die Arbeit. Zuiken sah nun, woher der Wind kam, nahm einen Drachen und ließ ihn vor dem Tempel aufsteigen. Dann gab er ihm genügend Faden und ließ ihn das Dach überfliegen und auf der anderen Seite heruntersinken. Darauf befestigte er an der Drachenschnur ein großes Seil, holte die Drachenleine ein und zog das Seil über den Dachfirst. Nachdem er dann die beiden Enden des Seils an den Grenzpfählen des Tempelgrundes festgebunden hatte, ließ er daran einen Arbeiter auf den Dachfirst steigen, der die Ausbesserung in kaum einer Stunde fertigstellte. Wahrlich, die Freude des Priesters war groß, als er die Arbeit, deren Ausführung etliche 10 Ryo gekostet und noch dazu viele Tage beansprucht hätte, für 45 Ryo und innerhalb einer Stunde fertiggestellt sah. Zuiken aber hatte ohne jeden Kapitalaufwand 45 Ryo verdient, und das verdankte er seiner großen Klugheit."