In seinem unveröffentlichten  Buch

Die Entwicklung des Fesselflugzeuges
 

schreibt Valentin Oesterle


 
 




 
 
 

Inhaltsübersicht

Einleitung
Kastendrachen als Vorläufer des Flugzeuges
Versuche mit neuzeitlichen Kastendrachen
Der Übergang vom Kastendrachen zum Fesselflugzeug
Eindecker mit offenen Rumpf
Doppeldecker
Eindecker mit geschlossenen Rümpfen
Versuche mit Dreidecker

 
 

Einleitung

Unter der Bezeichnung " Fesselflugzeuge " versteht man flugzeugähnliche Drachen,  die vom Verfasser dieser Schrift entwickelt wurden.  Die Weiterentwicklung der Drachenformen liegt in der Linie der Annäherung an die Flugzeugformen.  So führten die mit Flugzeugen gewonnenen Erfahrungen rückwirkend zu einer Vervollkommnung des Drachens.  Für diese Art des technisch hochentwickelten Drachen,  der aus einer sorgfältigen Anwendung aerodynamischer Kenntnisse entstanden ist, wurde die treffend Bezeichnung " Fesselflugzeug " geprägt.  Diese Bezeichnung finden wir im Wörterbuch des Flugwesens
(Anders Eichelbaum, Verlag von Meier Leipzig )
Eine der größten technischen Errungenschaft der Jetztzeit - das Flugzeug - verdankt seine Entstehung eigentlich dem Drachenbau.  So brachte der Übergang vom Drachen zum Flugzeug dem dynamischen Flugsystem, die Bezeichnung " Drachenflugzeug " .
Unter diese Bezeichnung fallen die Gleit - Segel - und Motorflugzeugen.  Grundsätzlich ist uns heute diese Umwandlung leicht geläufig.  Man hat damals der Drachenfläche eine entsprechende Größe gegeben und brachte bei der Vorwärtsbewegung mit ausreichender Zugkraft die Fläche zum Aufsteigen und Weiterfliegen.  Die weitere Aufgabe war also nur,  dem Schnurzug als dauernd wirkende Zugkraft eine Vortriebschraube (Luftschraube) wirken zu lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kastendrachen als Vorläufer des Flugzeuges

Außer den einflächigen Spitzdrachen gibt es auch Kastendrachen,  die von dem australischen Ing.  Hargrave im Jahre 1896 erfunden wurden.  Dieser Kastendrachen besteht aus zwei gleich groben,  hintereinander liegenden Zellen,  deren vordere den Auftrieb liefert,  während die rückwärtige wie bei einem Flugzeug als Leitwerk dient.  (Abb.  1) Bei der Entwicklung des Drachenbaues, seit dem Beginn des Flugzeugbaues,  beobachtet werden wie sich Luftfahrttechnik und Drachenbau gegenseitig beeinflußt haben und heute noch beim Drachen beeinflussen.  Abb.  2 zeigt uns eine französische Bauform eines Drachenflugzeuges Voisin Farmann,  die im Jahr 1908 in Deutschland von August Euler,  Frankfurt a/Main in Lizenz gebaut wurde.  Hier können wir deutlich erkennen,  wie die vordere Zelle des Kastendrachens,  die den Auftrieb liefert,  vergrößert wurde.  Anstelle der Halteschnur wurde ein Motor mit Luftschraube eingebaut,  dessen Zug den großen Kastendrachen im Wind halt,  bezw.  ihn durch die ruhende Luft bewegt.  So kam man vom Drachen zum Drachenflugzeug.
 

 
 
 
 
Abb. 15  nicht vorhanden
 
 


 

 
   
 

 

 

 
Versuche mit neuzeitlichen Kastendrachen

In vorliegender Schrift wird die Entwicklung des Fesselflugzeuges, vom Kastendrachen angefangen,  seit dem Beginn des Gleit - und Motorflugzeuges,  aufzeichnet.  Die Aufzeichnungen beschränken sich nur auf die Versuche, die der Verfasser seit 1911 getätigt hat.
Als erstes Modell wurde der Drachen des Hauptmannes Saconney (Abb. 3),  der damals bei der französischen Armee für bemannte Drachen Verwendung fand nachgebaut.  An der vorderen Zelle dieses Kastendrachens sind oben beiderseits, schräg nach oben, Ansatzflügel anbracht (Abb. 4).  Diese zusätzlichen Flachen bewirken seine Auftriebsvergrößerungen und zwar an der Stelle wo der Schnurzug (bezw.  Kabelzug) nach unten wirkt.  Der Drachen kann also eine größere Hohe erreichen, weil er das Mehrgewicht einer längeren Halteschnur (bezw.  Kabel) zu heben vermag.  Die schräg Stellung der Ansatzflächen nach oben gibt dem Drachen eine bessere Querstabilität.  (Abb. 5 zeigt den Drachen beim Start.  Abb. 6 zeigt den Drachen bei starken Regenböen im Flug.  Durch zusätzliche Flächen (waagerecht) wurde versucht den Auftrieb weiter zu erhöhen (Abb.  7 u.  8).  Die Anordnung dieser Flachen war nicht günstig.  Wie aus den beiden Abbildungen ersichtlich ist,  sind die Flächen aus Stoff,  durch den starken Wind,  stark ausgebeult wodurch ein schädlicher Widerstand entstand.

Nun begann der Bau von Eigenkonstruktionen.
Einen Kastendrachen, bei dem die beiden Zellen weit voneinander entfernt sind.  Unmittelbar hinter der vorderen Zelle wurden Tragflügel angebracht,  die schräg nach oben gestellt wurden.  Die Tragflügel haben keine Rippen.  Der vordere und hintere Flächenholm wurde nach vom bezw.  nach hinten an den Rumpf verspannt.  Durch das Fehlen der Rippen jedoch, braucht der Winddruck die Flachen je nach seiner Größe mehr oder weniger aus.  Diese Blähsäcke,  ähnlich wie bei Segelschiffen,  bilden einen schädlichen Widerstand und verursachen nur einen hohen Schnurzug (Abb.  9 u.  10).  Der Drachen wurde in seiner Flugbahn,  vorwärts nach oben,  bei zunehmender Windstärke durch Aufblühen der Flachen gehemmt.  Beim Bau einer Neukonstruktion wurden die Flächen mit Rippen versehen (Abb.  11 u. 12).  Diese straffen Flächen die wie beim Flugzeug von unveränderlicher Form sind, begünstigen das Steigen des Drachens,  so daß er bei zunehmender Windstärke,  sich schräg nach oben bewegte.  Abb.  13 zeigt den Drachen im Flug.
 
 

Der Übergang vom Kastendrachen zum Fesselflugzeug

Die Flugerfolge mit den Drachenflugzeugen im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts führten den Drachenbau zu einer breiten Entwicklung.  So gab die Bauform des französischen " Farmann " Doppeldeckers (Abb.  14  Baujahr 191 1) Veranlassung ein ähnliches Modell zu bauen und zu fesseln.  Der Vorbau mit dem vornliegenden Höhensteuer war günstig zur Anbringung der Fesselung (Abb.  18).  Die Versuche haben ergeben daß die Lange des Modells bedeutend größer sein muß als die Spannweite.  Der Schwerpunkt liegt nun weit hinter den Tragflächen.  Das Mittelstück dieses Modells,  der Rumpf,  hat noch die Form eines Kastendrachens.  Die seitlich angebrachten Tragflächen sind in der Querrichtung gestaffelt und nach oben hochgezogen (V Form). Durch diese Anordnung wurde eine ausreichende Querstabilität erreicht.  Um diese noch zu erhöhen wurden hinten an den oberen Flächenenden Klappen angebracht (Abb.  18).  Die Wirkung war aber unbedeutend.  Eine Aufnahme im Flug (Abb.  16), von hinten erdwärts gesehen,  im Augenblick wo die rechte Tragfläche vom Windstoß erfaßt wurde und das Modell in eine Schräglage brachte,  zeigt uns wie die Klappe an der linken oberen Tragfläche nach oben gedrückt wird.  Die erhoffte Wirkung,  das Modell wieder in die Normallage zu bringen,  blieb aus.  Nur durch die Anordnung der Flächen,  seitliche Staffelung und hochziehen der Flächen (V Form), konnte das Modell wieder in seine normale Fluglage zurück pendeln.  Hier konnten zum erraten mal die Erfahrungen,  die beim Flugzeubau gewonnen wurden,  auch beim gefesselten Flug Verwendung finden.  Abbildung 17 u. 20  zeigt uns das Fesselflugzeug im Flug und beim Einholen.  Betrachten wir die Fluglage dieses Modelle beim Einholen, so stellen wir fest, daß der Anstellwinkel fast vollständig aufgehoben ist.  Das Modell stand steil über der Schnurhaltenden Person.  Diese günstige Fluglage beim Einholen wurde ermöglicht durch die starren Flächen mit Rippen,  die durch den Winddruck nicht ausgebaucht wurden und so keinen schädlichen Widerstand bildeten.  Weiter wirkte die Rumpflänge,  die größer ist als die Spannweite,  zu dieser Fluglage in der Längsrichtung.  Gegenversuche bestätigten Letzteres.


Fortsetzung auf Seite 2