Valentin Oesterle



Ein Offenburger Seilermeister als Pionier der Luftfahrt und Wetterkunde

Drachen erforschten das Höhenwetter.

" Mir duen de Drache stiege losse ",
so heißt der Wettbewerb um die schönsten Drachen, den die Muetersproch-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Offenburger Tageblatt und der Kronenbrauerei ausgeschrieben hat. Auf den Waldbachwiesen sollen am Samstag die bunten Papiervögel um die Wette fliegen. Kinder und Jugendliche sind´s, die nur zu gerne und immer noch nach alter Tradition ihre Drachen in die frische Herbstbrise entlassen.

Doch beschläftigten sich früher und vielleicht auch heute noch Erwachsene recht ernsthaft mit dem papierenen Fluggerät. Vor Jahrtausenden waren's die Chinesen, die sich mit dem Drachen intensiv beschäftigten. Doch so weit braucht man in der Geschichte gar nicht zurückzublättern.

Der Offenburger Seilermeister Valentin Oesterle war ein begnadeter Drachenbauer und Konstrukteur. Der Offenburger erlebte als junger Mann den Beginn der Luftschiffahrt und Fliegerei. Er blieb der Luftfahrt sein ganzes Leben verbunden.



Eindecker von V.Oesterle wo er 1915 für Luftsperrzwecke verwendet wurde

1911 machte Valentin Oesterle seine ersten Versuche mit Kastendrachen. Sie stürzten nur zu oft ab. Man wußte damals einfach zu wenig über Aerodynamik und Windströmungen in großen Höhen. Im Ersten Weltkrieg war Oesterle Soldat bei den Luftschiffern, den großen Konkurrenten der Flieger, leitete spläter eine militärische Drachenwarte und sammelte praktische Erfahrungen mit der Luftfahrt, wie es die französischen und russischen Luftbeobachter und Meteorologen auch versuchten. In den ersten zwanziger Jahren arbeitete Valentin Oesterle als Zivilist für den Deutschen Wetterdienst auf dem Feldberg im Taunus.

Die Höhenwetterkunde wurde damals erforscht. Das Arbeitsgerät dazu war der Kastendrachen. Mit großem Aufwand brachten die Wetterkundler die Drachen bis auf 6000 Meter Flughöhe und registrierten stundenlang Meßwerte mit Meteorografen. Nur bei Windstille wurden die teuren Fes-selballone eingesetzt.


Seiler und Drachenbauer
1928 übernahm Valentin Oesterle die elterliche Seilerei am Kesten-damm neben der landwirtschaftli-chen Halle. Heute steht dort die neue Druckerei von Burda und das Hoch-haus. Die Sellerei wurde 1961 aufgegeben.

In jenen Jahren beschäftigten Valentin Oesterle die Drachen und das Wetter wie sein Berufsleben als Seilermeister. In den dreißiger Jahren hatte er die zündende Idee. Der Kastendrachen genügte nicht mehr seinen Ansprüchen. Er baute vorne Tragflächen und hinten Dämpfungsflächen an den Kasten. Seine Drachen sahen nun Flugzeugen ähnlich. Diese außerordentlich hochwertigen Drachentypen nannte er deshalb Fesselflugzeuge.

Ein Doppel und Dreidecker waren nun an Offenburgs Himmel zu sehen. Die Bürger staunten. Oesterles größter Doppeldecker war ein Riesending, hatte er doch 7,50 Meter Rumpflänge und 6,50 Meter Spannweite. Er baute Fesselflugzeuge in verschiedenen Größen für bestimmte Zwecke. Ein Fesselflugzeug, dessen Kasten länger als fünf Meter ist, bereitet jedoch erhebliche Startschwie-rigkeiten beim Hochstellen gegen den Wind.

Am handlichsten waren Fesselflugzeuge von 3,50 bis 4,50 MeterLänge. Kleiner zu bauen wie 1,80 Meter hielt Oesterle nicht für ratsam, weil diese für Profis nur Spielbälle in der Luft sind und keine Geräte tragen können. Die gewerbsmäßige Herstellung dieser Fesselflugzeuge bedurfte der Genehmigung des Erfinders Valentin Oesterle. Die Zeichnungen für die Pläne und die zahlreichen Buchveröffentlichungen fertigte ihm der Offenburger Flug-zeugbauingenieur Oskar Schmidt, der bei Dornier/Friedrichshafen und Weserflug/Bremen arbeitete. Der 89 jährige Oskar Schmidt lebt heute, als Rentner auf der Offenburger Lindenhöhe.

Paul Stober " Photo-Stober " jetzt 80, war einer der ersten " Reklamekunden " von Oesterle. Stober veranstaltete in den dreißiger Jahren einen Foto-Wettbewerb, ließ einen Eindecker mit Zeiss Ikon - einer der damals besten Kamera-Hersteller in Dresden beschriften. Als Preise für den Wettbewerb waren fünf Fessel-flugzeuge ausgesetzt.



V.Oesterle (Mitte) in Frankreich 1918 mit einem Dreidecker

Schreinermeister Franzjosef Hoferer, 58, erinnert sich, wie er als Halbwüchsiger in der Seilerei am Drachenbau interessiert war und Oesterle die besten Holzleisten verarbeitete und verleimte.1000 Meter lange, selbttgedrehte Schnüre ließen die Drachen oder besser Fesselflugzeuge bis auf 400 Meter Höhe über der Stadt steigen. Mit eingebauten großformartigen (9 x l2 cm) Kameras wurden Luftaufnahmen von Offenburg gemacht. Eine, Auslösevorrichtung ließ über eine gespannte Wäscheklammer die Kamera klicken. Wenn Valentin Oesterle den Offen-burgern und besonders den Kinzigvorstädtlern eine Freude machen wollte, gab es abends Feuerwerk aus der Luft.

Er baute Steigraketen und Schwärmer in die Spanten seiner Drachen.

Mit diesen Spielereien die heute verboten wären - wollte Oesterle Interesse der Laien wecken, die keine flugtechnischen Kenntnisse hatten, meistens aber für kleine Sensationen schwärmten und ihr Interesse für das Technisch Konstruktive erst nach Abflauen der Sensationslüste entdeckten.

Ein alter " Wetterfrosch "

Für die älteren Offenburger Flieger war der spitzbärtige Drachenbauer und " Wetterfrosch " ein guter Lehrer für Flugwetterkunde. Seine meteorologischen Kenntnisse hat er sich mit seinen Drachen und Fesselflugzeugen erarbeitet. Sie waren für den Autodidakten Valentin Oesterle das beste und billigste Arbeitsgerät.

Prof. Dr. Heinz Loßnitzer, Leiter des Meteorologischen Instituts der Universität Freiburg, schreibt zu Oesterles Buch " Flugwetterkunde ": Ich habe immer gern jungen und alten Fliegern zum Selbstunterricht und den Flug - und Wetterkundlern als Musterbeispiel für den Unterricht empfohlen. Zur 6.Auflage 1965 schrieb Konsul Dipl.Ing. Harald Quandt, der damalige Präsident des Deutschen Aero Club:

" Da ich selbst bei meinem Blindflug-Lehrgang auf der Lufthansa-Schule in Bremen mit der Meteorologie intensiv in Berührung kam, glaube ich, dieses Buch beurteilen zu dürfen. Ich möchte ihnen zu der vollendeten Form der Darstellung dieser Fragen herzlich gratulieren. "

Bis in sein hohes Alter war " Wetterfrosch " Oesterle bei den Flugtagen der Fliegergruppe - Offenburg beratend zur Stelle.

Max Schäffner, 79, der langjährige Vorstand der die Flugtage in den 50er und 60er Jahren organisierte: Oesterle war ein Könner : Wenn er zu einer Veranstaltung bei strahlendem Sonnenschein mit Regenschirm kam, habe ich nie gelacht. Meistens gab es dann gegen Ende des Flugtages einen kräftigen Regenguß."

Oesterle hatte von den Kronenwiesen am Kestendamm - auch wenn er selbst am Boden blieb - einen weiten und hohen Horizont. Seine Drachen und Fesselflugzeuge verhalfen ihm dazu. In Offenburg gibt es schon lange keinen Seilermeister mehr. Erst recht keinen wie den Individualisten Valentin Oesterle.



Aus der Zeitung Mittelbadische Presse
Lokalnachrichten
6.Oktober 1983