Otto Lilienthals Gleiter als Drachen



Flugtechnische Korrespondenz




FITZGERALD, GEORGE FRANCIS
Der Physiker Prof. G. F. Fitzgerald (1851-1901) von der Universität Dublin war ein führendes Mitglied der
Aeronautical Society of Great Britain. Über die Versuche, die er mit dem im Frühjahr 1895 erworbenen
Lilienthal-Gleiter auf dem Gelände des Trinity College in Dublin anstellte, hat er im Oktober 1898 im Aufsatz
"Experimental Soaring" in der Zeitschtift "The Aeronautical Jounial" berichtet.
Von seiner Korrespondenz mit Lilienthal sind vier Briefe Lilienthals aus den Jahren 1895 und 1896 erhalten.
Der kurze erste Brief ist von Lilienthal in englischer Sprache geschrieben; der zweite mit Instruktionen über den
Zusammenbau des gelieferten Standard-Eindeckers stammt von fremder Hand, ist aber von Lilienthal unterschrieben.
Einen nahezu wortgleichen Instruktionsbrief haben alle Käufer seines Segelapparates erhalten.




O. L. an G. F. Fitzgerald in Dublin
Berlin, den 4. Februar 1895
In Beantwortung lhres freundlichen Briefes teile ich mit, das ich Ihnen einen Segelapparat senden kann, wenn Sie Flugversuche anstellen wollen. Die Kosten des Apparates belaufen sich auf 25 Pfund.

lhr ergebener
Otto Lilienthal

Aus dem Englischen.
Original in Royal Dublin Society Library




O. L. an G. F. Fitzgerald

Berlin, den 14. März 1895

lhr Segelapparat ist hier abgeschickt worden und wird in diesen Tagen in Ihren Besitz gelangen.
Die Teile des Apparates sind gegeneinander verschnürt durch dünnen Bindfaden. Die stärkere Schnur darf nicht
gelöst werden.Die Karabinerhaken [Skizze] werden aus den Ösen gelöst, die Flügel entfaltet und die Karabinerhaken hierauf in die Ösen am vorderen Bügelrand eingehakt. Hierauf werden die Spreitzen auf jeden Flügel aufgestellt und
der Apparat nach oben gespannt.
Alsdann ist der Schweif mit dem Kreuzsteuer anzubringen.Möglichst ohne Lösung der Schnüre wird das
Horizontalsteuer mit seinem Schlitz über das Vertikalsteuer gelegt und durch einen Stift "a" verbunden. [Skizzel
Durch die Schnüre "b" wird der Schweif so eingehängt, daß das hintere Ende etwa 10° nach oben zeigt.
Durch Zapfen "c" und Stift "d" wird der Schaft befestigt.
Die Haken "e" hängt man noch an die oberen Enden der Spreitzen. Die Profilstangen werden von vorne eingeschoben
und durch die Wirbel ,r, befestigt.
Zum Schutze gegen Stoß wird dann noch der Prellbügel nach Skizze am vorderen Gestell befestigt. [Skizzel
Die ersten Übungen müssen sehr vorsichtig gemacht werden, indem man gegen den Wind bergab Iäuft.
Beim Sprung wird der Apparat horizontal gehalten, aber beim Landen jedesmal aufgerichtet.
Alle Bewegungen sind so zu machen, daß der Apparat gegen den Wind gerichtet bleibt.
Weitere Sprünge darf man erst wagen, wenn mehr Übung vorhanden ist.
Wenn Ihnen noch irgend etwas fraglich ist, bitte (ich) um Nachricht.
Indem ich Ihnen den besten Erfolg wünsche verbleibe [ich] lhr ganz ergebenster

Otto Lilienthal

P.S. Bestätige dankend den Empfang der 25 Pfund.

Original in Royal Dublin Society Library




O. L. an G. F. Fitzgerald

Berlin, den 4. April 1895

Es freut mich, daß die Flugmaschine gut angekommen ist. Als Drachen können Sie dieselbe steigen lassen,
aber an mehreren Schnüren, damit sie vom Wind nicht zerstört wird. Über den Schultern brauchen Sie keine
Schnüre, im Wind trägt der Apparat sich selbst. Beim Stillstehen kann man mit dem Rücken den Apparat
unterstützen. Die Handhabung wird durch die Übung sehr erleichtert. Beim Erfassen der Griffstange legt man
am besten den Handrücken nach unten. (Skizze)Ich empfehle noch einmal, bei den Übungen ein baumloses, freies geneigtes Terrain zu wählen und mit kleinen,vorsichtigen Sprüngen genau gegen den Wind zu beginnen. Der Körper muß sich nach und nach an diese neuen
Bewegungen gewöhnen. Eine andere Methode, leichte Oberflächen zu bilden, ist mir nicht bekannt. Ich habe sehr
vieles versucht, bin aber immer wieder zu Weidenruten und Stoffbespannungen zurückgekehrt.
Ihnen besten Erfolg wünschend, zeichnet Hochachtungsvoll

Otto Lilienthal
Original in Royal Dublin Society Library




O. L. an G. F. Fitzgerald

Berlin, den 4. März 1896

Von lhren interessanten Ausführungen habe ich mit grobem Interesse Kenntnis genommen.
Besonders scheint mir die Idee der beiden verkuppelten Drachen vollkommen richtig. Es liegt aber die Befürchtung
nahe, daß sich zwei solche Drachen schwer dirigiren lassen und daß die halbe Differenz der Windgeschwindigkeiten
in verschiedenen Höhen noch stark genug ist, um eine genügende Tragewirkung hervorzurufen. Vielleicht ließen sich
aber doch höchst interessante Experimente in dieser Art anstellen.
Sollte es Ihnen lieb sein, eine Übersetzung meiner letzten Versuche ins Englische zu erhalten, so finden Sie dieselben
im "Aeronautical Annual", London, William Wesley & Son, 28 Essex St., Strand.
Hochachtungsvoll
Otto Lilienthal
Original in Royal Dublin Society Library





aus dem Buch

Otto Lilientahls Flugtechnische Korrespondenz
von
Werner Schwipps