Ausschnitte aus dem
Köppen Heft 
1926    

Analen der Hydrographie und
Maritimen Meteorologie
  

Herausgegeben von der Deutschen Seewarte in Hamburg 

Herrn Admiralitätsrat a. D. Professor Dr. Wladimir Köppen
  


 Zum 80. Geburtstage gewidmet von der

   

Deutschen Seewarte
und von Freunden und Kollegen  
 


Von Paul, Perlewitz, Hamburg.

                                                                                                                                                          



In dem ehrwürdigen Forscherantlitz auf der Einloge unseres Ehrenheftes begrüßen wir den allseits hochverehrten Meister der Meteorologie W. Köppen zu seinem 80. Geburtstage und wünschen ihm ein weiteres gesegnetes Lebensglück. An dem photographisch wiedergegebenen Schriftstück freuen wir uns des weiteren über Köppens klare und charaktervolle, vom Alter noch unveränderte Schrift sowie über seinen Humor; die Rücksendung des an Köppen gesandten Glückwunschtelegramms im Original in. dieser geistvoll-humoristischen Weise hat ihm, weil er damit seiner Lebensarbeitsstätte und seinen ehemaligen Kollegen die ihm zugedachte Ehrung zurückgeben konnte, mehr Freude gemacht als die Glückwünsche an ihn selbst. Und was wird er nun sagen, da er das Telegramm hiermit doch wieder zurückerhält? "O, pardon!" Köppen war und ist kein Freund von Förmlichkeiten und offiziellen Ehrungen. Von den ihm zuteil gewordenen Auszeichnungen seien außer den vielen Ehrenmitgliedschaften von Gesellschaften und Vereinen des In- und Auslandes hier nur folgende genannt: Im September 1908 wurde er zum Ehrendoktor der Universität Dorpat ernannt. Am 13. September 1909 erhielt er vom König von Schweden das Ritterkreuz des Nordsternordens, am 25. September 1916 von der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie die Hann-Medaille und Anfang 1921 die Neumayer-Medaille. Seit dem 9. März 1922 ist er Korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Auch das Eiserne Kreuz 2. Klasse am weiß-schwarz - weißen Bande und das Hanseatenkreuz erhielt er als Admiralitätsrat 1917 in vollster Berechtigung für seine meteorologischen Leistungen für die Marine und die Seekriegführung. Allerdings trug er die verliehenen Orden bei Festlichkeiten meist in der Tasche.Freiheit, Arbeitsamkeit, Gründlichkeit, Idealismus, Friedfertigkeit (nationale und Internationale), Zuverlässigkeit und Genügsamkeit sind bei Köppen groß geschrieben. Er erwartete aber im Leben das gleiche auch von seinen Mitmenschen als Selbstverständlichkeit und Pflicht und sah sich, wenn dies nicht zutraf, oftmals getäuscht, wie es Idealisten leider so häufig geht. Dennoch ist sein bisheriges Leben köstlich gewesen, weil es arbeits- und erfolgreich war, so daß wir Meteorologen und Freunde, alle einig - mit seinen Angehörigen, so freudig wie diese, heute rufen können:
  Denn wer den Besten seiner Zeit genugGetan, der hat gelebt für alle Zeiten.  Man. sagt: 70 Jahr ein Greis - 80 Jahr schneeweiß!  Trifft dies bei Köppen zu ?Für uns jüngere Kollegen, Schüler, Freunde oder Nachbarn aus Eimsbüttel und Großborstel, mochte der Altersunterschied auch nur gering sein, war Köppen stets der ,alte liebe Professor"; der Grund dazu war sein früh bekannter Name, seine Ruhe, die Art und Weise der Unterhaltung und Belehrung, aus der Jung und Alt stets großen Nutzen zog,, und sein Forscher- und Professorenaussehen. Auf den verliehenen Professorentitel gab er übrigens wenig, dagegen mehr auf den Doktor, den er sich ja selbst erworben hatte durch seine Dissertation ,Wärme und Pflanzenwachstum". Was aber das merkwürdigste an diesem ,alten Professor" war, er wurde niemals älter!  In den Augen der Mitwelt war er fast derselbe, ob er 38 Jahre alt war - damals bekam er den Professorentitel - oder 70 Jahre.Ist das nicht ein Zeichen innerer Stärke und Gesundheit?  Köppen war zwar kein Gipfelturner, aber: mens sana in corpore sano!  Sein Körper ist gesund und zähe, sein Geist geradezu bewundernswert, noch heut, wenn man seine wissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahre betrachtet. Bezeichnend ist folgendes: „Bis 1919“ schreibt A. Wegener, stand Köppen der Kontinentalverschiebungstheorie kühl, weil zweifelnd, gegenüber. Als ich aber, schon in seinem Hause wohnend, die zweite Auflage (erschien 1920) ausarbeitete, und Köppen so durch unwillkürlichen regelmäßigen Gedankenaustausch das ganze Material eingehender kennen lernte, sah er die Richtigkeit ein, war sogleich Feuer und Flamme und hat seitdem viel mehr darüber veröffentlicht als ich." Auch die Begeisterung, mit der sich Köppen auf Milankovitchs Erklärung der quartären Klimaschwankungen warf, hat bei seinem Alter etwas Erstaunen Eirregendes.Köppens Familienleben war glücklich, doch blieb es Von schwerem Leid nicht verschont. Seine drei Söhne gingen ihm verloren, nachdem sie zu blühenden Jünglingen herangewachsen waren. Dagegen erwuchs ihm das Glück in seinen Töchtern und Schwiegersöhnen Diplom-Ingenieur Paul Knipping und Professor Dr. Alfred Wegener. In letzterem fand er zugleich einen Fachgenossen und ebenso tiefen Forscher, einen Lebensfreund im Alter. An seinen fünf plus drei Enkelkindern hat er mit seiner ihn stets gut verstehenden, kunstliebenden, bescheidenen Frau die glücklichsten Großvaterfreuden. Gern widmet er sich der Jugend und brachte den Mut auf, noch in seinem 78. Lebensjahre seine zweite Heimatstadt Hamburg, in der er fast 50 Jahre gelebt und gewirkt hatte, zu verlassen, um mit Gattin mit Familie Wegener 1924 von Hamburg nach Graz überzusiedeln.Um die Deutsche Seewarte hat sich Köppen neben Neumayer wohl die größten Verdienste erworben. Das Dreigestirn: Der wissenschaftliche und technische Organisator, der Wissenschafter und Meteorologe und der weitschauende Seemann - Namen seien hier nicht genannt - hat die Deutsche Seewarte schnell hochgebracht. Selten hat ein so bedeutender Gelehrter ein und derselben Behörde so lange Zeit, ja die ganze Zeit seines Arbeitslebens ununterbrochen gedient wie Köppen: 44 Jahre, 3 Monate!  Als Zeichen seiner Bescheidenheit sei erwähnt, daß er auf die Glückwünsche des Staatssekretärs des Reichs-Marine-Amts zu seinem 70. Geburtstage, in denen dieser Köppen -Führer in seinem Arbeitsgebiet- nannte, erwiderte:
 
Hamburg, den 5. Oktober 1916.Für die gütigen Glückwünsche, mit denen Eure Exzellenz mich zu meinem 70. Geburtstagbeehrt haben, bitte ich meinen gehorsamsten Dank entgegenzunehmen. Die dabei hochgeneigtest ausgesprochene Anerkennung meiner bescheidenen Bemühungen wird mir ein Sporn sein, such weiter, so lange meine Kraft es gestattet, der Wissenschaft und Deutschland zu dienen.Mit goldenen Lettern wird einst der Name Köppen an der Eingangspforteder Deutschen Seewarte für alle Zeiten neben den Namen Dove und Maury stehen!
 
Eurer Exzellenz gehorsamster Diener                                                       W. Köppen, Admiralitätsrat."

 
  Hoch Wladimir Köppen,
Der Klimatologe
Von Tropen und Steppen,
Der Drucke und Soge 
In Wasser und Luft
Durchforscht hat mit Pein,
Beseitigt die Kluft:
Gedanke und Sein; 
Erreicht hat sein Ziel
Durch Basteln und Proben
Voll Mühen gar viel:
Sein Drachen schwebt oben!
Modelle, sie fliegen
Ihm leicht aus der Hand,
Sich steuernd nach Biegen
Ganz sicher aufs Land. 
Da drin möcht ich sitzen,
Baut groß das Modell
So ruft er, es blitzen
Die Augen ihm hell: 
Der Technik gelang's,
Sein Müh'n ward belohnt,
Dem Köppen auch dank's:
Die Luft ist bewohnt!" 


Meine Knittelverse seien mir verziehen; auch fehlt mir die poetische Ader, um alles das zu würdigen, was Köppen geleistet und geschaffen hat.Für die studierenden Meteorologen möchte ich betonen, daß sich Köppens schriftliche Arbeiten durch Ideenreichtum und meist große Klarheit auszeichnen. Sein mündlicher Vortrag war oft so reich an Gedanken, daß die Klarheit darunter litt, er fand immer neue Gedanken, die, ineinander geschachtelt, - die schnelle Auffassung gelegentlich erschwerten. Leider konnte er keine Lehrtätigkeit im groben in Hamburg entfalten, da die Universität damals noch fehlte. Köppen selbst entbehrte dies sehr. Nur in kleinen Kreisen, dem Kolloquium der Seewarte, in wissenschaftlichen Vereinen, in Lehrkursen von Marineoffizieren und in Privatkreisen, u. a. auch an regelmäßigen literarischen Abenden mit den Familien Gustav Falke, Otto Ernst, Dr. Ernst Schulze, Dr. H. Spiero, lauschte die Hörerschaft gern seinen angenehmen und unterhaltend übermittelten Belehrungen. Otto Ernst gab viel auf sein Urteil. Köppens Fachliteraturkenntnisse, sein Gedächtnis und sein Wissen auf universellem Gebiet stempelten ihn zum Polyhistor. Die Spezialwissenschaft fordert heute meist die ganze Kraft eines Mannes, so dai3 es kaum noch Polyhistoren gibt, wie es z. B. die Humboldts oder Goethe waren. Für Goethe und seinen Faust hatte Köppen besondere Vorliebe; er spielte im Familienkreise den Faust oder Mephisto, während seine Tochter Else ihm als Wagner oder Schiller entgegentrat:
  "Was man nicht weiß, das eben brauchte man,Und was man weiß, kann man nicht brauchen." 
Die Drachenstation der Deutschen Seewarte baute Köppen 1903 (Abbild.) mit grober Liebe auf; ich hatte die Freude, ihm dabei zu helfen. Schon 1898 hatte er seine ersten Versuche mit Drachen gemacht, die er als ein wichtiges Werkzeug zur Erforschung des dreidimensionalen Luftmeeres betrachtete, der Hauptforderung schon damals für Fortschritte in der Meteorologie, und als Vorläufer des Flugzeugs und einstigen Luftverkehrs, für den sich Köppen wie wenig



  Drachenstation der Deutschen Seewarte in Großborstel bei Hamburg.   



 Drehhütte der Großborsteler Drachenstation mit Explosionsmotor und Drachenwinde (erbaut 1903).
       
Die praktische Nutzanwendung seiner Wissenschaft war ihm nicht Hauptzweck. Er forschte der wissenschaftlichen Befriedigung und Förderung wegen. Seine Stellung an der Deutschen Seewarte, die ja als praktisches Institut auf wissenschaftlicher Grundlage errichtet war, brachte es aber mit sich, daß oft praktische Aufgaben durch die Wissenschaft zu lösen waren. So schuf er die Grundlagen einer maritimen Meteorologie, insbesondere für die Seefahrer, und trug dadurch seinen Teil dazu bei, daß die deutsche Handelsschiffahrt um und nach der Jahrhundertwende zu einer Blüte kam, um die uns eine Welt beneidete.
Zur Frage der Organisation der Deutschen Seewarte nahm Köppen, worauf mich G. Castens aufmerksam machte, am 24. August 1917 wie folgt Stellung:
 
Der Unterzeichnete hat den Vorteil dieser Verknüpfung (Zusammensetzung des Beamtenkörpers der Seewarte aus Gelehrten und Praktikern) deutlich empfunden, als er vor Vierjahrzehnten durch die Berufung an die Seewarte sich in eine für ihn neue Welt versetzt sah. Ihm, der in Gelehrtenkreisen aufgewachsen war, brachte der freundschaftliche Umgang auf gleichem Fuße mit erfahrenen Segelschiffsführern, unter denen er die Kapitäne Haltermann, Hegemann und Dinklage besonders nennen möchte, eine große Erweiterung seines Gesichtskreises."
Für jedes Institut, das Wissenschaft anwenden soll, ist die Pflege der reinen Wissenschaft und die Mitarbeit an ihr ein notwendiges Erfordernis, wenn es nicht in der Schablone erstarren soll. Ganz besonders, wenn die Wissenschaft so im Werden begriffen ist, wie es die Meteorologie war und ist. Es läßt sich nie von einem Wissenszweige, besonders einem Forschungsgebiet der Naturwissenschaft sagen, daß es nur für die Theorie von Interesse und dauernd für die Praxis unfruchtbar sein werde Auf der anderen Seite ist die Anregung, welche die Bedürfnisse der Praxis der wissenschaftlichen Arbeit geben, sehr hoch anzuschlagen. Überall im Fortschritt unseres Naturerkennens ist die Stellung der Frage, der erste notwendige Schritt zum Weiterkommen. Und diesen ersten Schritt liefert in unzähligen Fällen die Praxis. Die Wissenschaft schuldet und weiß ihr Dank dafür, verlangt aber auch für sich das Recht, die weiteren Fragen, die sich ihr bei Verfolgung dieses Ziels ergeben, zu verfolgen. Die Praxis hat davon mehr Vorteil, als wenn sie Halt gebieten würde, wo der unmittelbare Nutzen nicht mehr zu ersehen ist. - So sind denn such, wie bei allen Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften, so insbesondere such bei der Seewarte die von außen kommenden Anfragen und Aufgaben sehr wichtige und ersprießliche Anregungsmittel, die ihrer Arbeit zugute kommen, selbst wo sie zunächst als störend empfunden werden. Es kommt nur auf die richtige Mischung von außen, kommender und vom Institut selbstgestellter Aufgaben an. Eine wissenschaftliche Anstalt darf Dicht zum reinen Auskunftsbüro werden . . . Wenigstens ihre höheren wissenschaftlichen Beamten müssen neben der Erledigung solcher Aufgaben such Zeit und Initiative zur Bearbeitung selbstgestellter Fragen behalten. Diese Fragen werden. doch zumeist ihren Wirkungskreise entnommen sein............ Weiterhin spricht K. von der Mehrung, Verwaltung und Ausnutzung der Sammlung handschriftlicher Schiffsjournale, des kostbarsten Besitzes der Seewarte . . . Ob die Verwaltung der Deutschen überseeischen meteorologischen Beobachtungen bei der Seewarte bleiben oder etwa an das Reichskolonialamt übergehen soll, ist . . . nicht zu ersehen. In jedem Fall ist deren Erhaltung zu wünschen."
Der Urgroßvater Köppens stammt aus Mecklenburg, von dort wurde er als Leibarzt vom Zaren nach Rußland mitgenommen, der ihm den erblichen Adel verlieh. Köppens Vater (Peter von Köppen, geb. 1793 in Charkow) war Ethnograph, Statistiker und Altertumsforscher am russischen Hofe, er schrieb über 130 Werke und bekam als Anerkennung für seine russischen Geschichtsforschungen vom Zaren das Gut Karabagh in der Krim. Hier verbrachte Wladimir als Kind öfter den Sommer. Er war geboren am 25. September 1846 in St. Petersburg und besuchte 1858-1864 in Simferopol das Gymnasium. Bis 1866 studierte er dann in St. Petersburg, 1867-1870 in Heidelberg und Leipzig, wo er seinen Doktor machte. Er fuhr zum Examen von Heidelberg nach Leipzig aus Furcht, die Heidelberger Professoren könnten, weil sie ihn persönlich kannten, zu milde prüfen. Das wollte er nicht. Das Examen machte er unmittelbar vor Ausbruch des Krieges 1870, geriet bei der Rückreise nach Heidelberg schon in die Militärtransporte und konnte sich als Sanitäter im Anfang des Krieges betätigen. 1872 und 1873 war er Assistent am Physikalischen Zentralobservatorium in St. Petersburg. Seine erste amtliche Tätigkeit als Meteorologe war, die Bibliothek der Zentralanstalt unter Wild zu ordnen. Zum 1. Mai 1875 wurde er von Neumayer nach Hamburg zur Deutschen Seewarte berufen als Abteilungsvorstand des Wetterdienstes. Diese Abteilung gab er am 1. April 1879 an van Bebber ab und konnte sich nun auf der Seewarte als freier Forscher ganz den meteorologischen Fragen widmen, bis er am 1. April 1903 wieder eine Abteilung, die Drachenstation, sich selbst schuf. 1884-1891 war er - zwei Jahre allein, dann mit Hann - Schriftleiter der ,Meteorologischen Zeitschrift", um die er sich grobe Verdienste erworben hat.


     

Aus Köppens Forschungsgebieten und Arbeiten seien hier nur wenige herausgegriffen: Grundlegend sind seine Erklärungen der Tagesperiode der Windstärke (Espy-Köppen), seine Arbeiten über die Fortbewegung der barometrischen Depressionen, über Gewitter und Böen, die er mit besonderer Liebe behandelte, auch die über dem Atlantischen Ozean, über Windgeschwindigkeit und Beaufort Stärke, über Blindlingsprognosen und Luftbahnen, über Wolken, als deren Ergebnis er mit Hildebrandsson und Neumayer den Wolkenatlas 1890 herausgab, seine vielen Theorien, Statistiken und zahllosen Veröffentlichungen über Perioden von Temperaturmitteln, Regenhäufigkeiten, Winden über Land und Meer usw. Die klimatologischen Teile in den Seehandbüchern der Deutschen Seewarte sind sein Werk. Köppens Windkarten der Ozeane sind in die Literatur aller Kulturländer übergegangen. Aus vielen der Arbeiten geht sein Weitblick für die Entwicklung der Meteorologie hervor, sie sind als Vorarbeiten der neuesten meteorologischen Theorien anzusehen, die unter dem Sammelnamen der Bjerknesschen Theorien gehen. Gelegentlich einer Erklärung der starken Winterkälte in Deutschland spricht Köppen, bildreich und treffend wie oft, von ,importierter", aber „im Inlande veredelter Ware“!  Bereits 1882 legte er neben Dove den Einfluß der Temperaturverteilung auf die Luftströmungen in höheren Schichten und auf die Fortpflanzung der Minima, auf die hier - als Beispiel aus seinem Arbeitsgebiet - etwas näher eingegangen werden soll, plausibel dar.
Die Rolle, welche die Niederschläge bei der Zugrichtung der Minima spielen sollten, vor allem nach Clement Ley, wies er klar zurück. Im wesentlichen sind diese Zugstraßen auf Köppen zurückzuführen, van Bebber baute sie weiter aus und numerierte sie. Über die Wanderung der Minimal) sagen beide Forscher 1880 und 1882:
„Luftdruck und Temperaturverteilung sind das Ursächliche der Bewegung der gesamten Luftmasse in der Umgebung der Depressionen, und diese Bewegung ist das Bedingende für die Fortpflanzung der Depressionen, wobei van Bebber die Rolle der Temperaturverteilung nur in ihrer Wirkung auf die Druckverteilung in der Höhe sieht. Die Fortpflanzung der Depressionen erfolgt annähernd in der Richtung der überwiegenden Bewegung der ganzen Luftmasse in der Umgebung der Depression.“
Mit Sprung sagt Köppen ebenda:
„In den untersten Schichten der Atmosphäre erfolgt die Fortpflanzung einer Zyklone nicht wie das Fortschreiten einer rotierenden Luftmasse, sondern nach Art einer auf immer neue Luftmassen sich übertragenden Wellenbewegung", nachdem Köppen schon 1874 betont hatte: Daß der Luftdruck im Gebiete der südlichen und westlichen, warmen und feuchten Luftströmung sinken muß, ist gewiß unbestreitbar. Das Zentrum der Zyklone bewegt sich aus den abgeführten Ursachen im allgemeinen ostwärts, das ist nach der Seite des Südstroms.“
Die mechanischen Ursachen spielten nach Köppen nicht die einzige, aber eine Hauptrolle bei der Depressionsbewegung. Mit der Geschichte der Meteorologie von der Fabelzeit an (vgl. Köppens seinerzeit selbst ausgeschriebenes Diagramm in der Abbild.) und mit den meteorologischen Fortschritten     beschäftigte      sich Köppen gern. Dem Altmeister Dove machte er berechtigte Vorwürfe, als jener die Fortschritte in der damaligen „Modernen Meteorologie,“2), der synoptisch-kartographischen Darstellung und Zyklonenwanderung, ablehnte. Über das 1892 erschienene Buch von Blasius, der die meteorologischen Fortschritte trotz Irrtümer treffend als
„Teilstücke der Wahrheit“ bezeichnete, schrieb 2) Köppen 1893:
Wir wünschen, daß man auch von uns dereinst dasselbe sagen möge. Es kann aber unmöglich ausbleiben, daß hier und da beim Bau der Wissenschaft ein Stein falsch gesetzt wird; dann ist es oft nicht mehr möglich, ihn zurecht zu schieben, statt ihn zu verputzen und zu flicken, es ist besser, ihn und die daraufruhenden abzutragen und so gut wie möglich neu zu setzen. Mancher anscheinend kapitale Stein erweist sich auch nachträglich als brüchig, und mancher einst verworfene Stein, wie Brandes' Lehren und Vettins Experimente, erweist sich als gut zu einem Eckstein - das wird so bleiben, so lange die Bauarbeiter eben Menschen sind., Und dann weiter: ,Hoffen wir, daß auch die moderne Meteorologie durch steten Abschluß an Beobachtung und Experiment vor dem Versteinern geschützt und in Flug gehalten wird, sonst wird auch sie natürlich der gewaltsamen Abtragung nicht entgehen können, wenn Besseres an die Stelle zu setzen ist!"
Später, 1920, schreibt Köppen bei der plötzlich einsetzenden starken Zunahme der Meteorologen durch Krieg und Luftfahrtentwicklung als Leitwort in den Ann. d. Hydr. (S. 409):
"Bei den höchst verschlungenen Wegen, welche die Entwicklung Wissenschaftlicher Gedanken nimmt, ist es oft sehr schwierig, ihre Entstehung und ihr Wachstum zu verfolgen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß irrtümliche Angaben darüber sehr häufig sind, besonders bei  jüngeren Forschern."
Mit Eifer und Ausdauer machte er nicht nur Druck- und Sogversuche mit drachenähnlichen Körpern im Wasser, ähnlich wie Ahlborn, sondern ging auch dem Problem der Wellenberuhigung auf See durch aufgegossenes 01 experimentell zu Leibe. Zu diesem Zwecke begab er sich für mehrere Tage an Bord eines Lotsenschoners an der Elbmündung und machte von dort seine Versuche. Sehr überrascht war er von den praktischen Lotsenhandschuhen, die zwei Daumen, an jeder Seite einen, also sechs Finger, hatten, damit die Lotsen, ohne erst nach dem rechten und linken Handschuh suchen zu müssen, schnell mit der Hand hineinfahren konnten. Als Köppen von seiner Reise nach Hause zurückkehrte, rief er als erstes seiner ihm entgegentretenden Frau zu: "Guten Tag, liebe Marie, Du mußt mir gleich an meine Handschuh einen zweiten Daumen annähen!"
Nicht nur auf Land, sondern auch auf See führte Köppen bei Sturm und Wetter trotz dauernder Seekrankheit seine Drachen- und Ballonaufstiegsversuche zielbewußt als Pionier neben Hergesell und den ausländischen Kollegen Rotch und Teisserenc de Bort, die ihn gern in Großborstel auch persönlich besuchten, durch. Ich selbst hatte die Freude, Köppen bei seinen ersten Drachenaufstiegsversuchen an Bord des Dampfers ,Holsatia" im August 1902 zu helfen, der für die Internationale Kommission zur Erforschung der nordeuropäischen Meere seine allererste 12tägige Terminfahrt durch die Ostsee (Kiel - Saßnitz - Trelleborg Memel) machte. Die "Holsatia" war gechartert für den in Dock gegangenen neu erbauten Forschungsdampfer "Poseidon", an dessen ersten Reisen ich nur für ozeanographische Zwecke teilnahm. Auf der „Holsatia“-Fahrt hatten wir viel unruhiges Wetter. Als Köppen in Saßnitz an Land stieg, äußerte er aufatmend seinem zweiten Drachengehilfen Schwitzer gegenüber - der erste Gehilfe Bethge war in Hamburg geblieben : "Wie glücklich sind die Menschen, die festen Fuß unter sich haben."
Es war auch in diesen Jahren, wo Köppen bei der Hamburg-Eimsbütteler Jugend nur als ,Drachenprofessor am Isebek-Kanal" bekannt und beliebt war. ,,Was soll denn die Laterne im Drachen?" fragte ein ganz wißbegieriger Eimsbütteler, worauf man ihm antwortete: "Weils in den Wolken so duster ist." Ein anderer rief: "Sieh! jetzt geht den Professor seine Kommode hoch!"
Die humoristische Seite, die den Professoren nachgesagt wird, füllte Köppen, wie stets seine Stelle, voll aus. Dies zeigte sich darin, daß er beim Verlassen seiner Drachenstation gelegentlich nicht nur bei stärkstem Regen seinen mitgebrachten Schirm, sondern auch bei schönstem Wetter seinen mitgebrachten jüngsten Sohn Lexi "stehenließ"!
Um die Reißfestigkeit seiner Drachenleinen festzustellen, ging er, wie immer, gründlich ans Werk. Zuerst stellte er Versuche mit dem bekannten Hamburger "Bott", Bindfäden und Schnüren, an. Dann ließ er sich Drahtproben schicken, die er in seiner Wohnung an einer Zimmertür passend befestigte, bestieg einen Stuhl und hängte sich beim Herabspringen mittels Rolle an den zu untersuchenden Draht. Dies wiederholte er unzählige Male, um die Reißgrenzen zu vergleichen.
War es am Morgen windstill, so fuhr Köppen zur Seewarte, nahm aber sein Marvin-Instrument unterm Arm mit. Sobald Wind aufkam was er u. a. durch Federn, die er aus seinem Fenster auf der Seewarte fliegen ließ, feststellte, so eilte er zum Isebekkanal. Einer, der die Federn aus Köppens Fenster fliegen sah, soll zu Neumayer geäußert haben: "Jetzt ist der Professor wohl ganz durchgedreht", worauf ihm Neumayer antwortete: "Wenn alle so durchgedreht wären, dann ginge es uns allen weit besser". Wer von uns denkt dabei nicht an die Zeiten, wo ein Zeppelin verspottet wurde?
Köppens Frau und eben konfirmierte Tochter Aline mußten ihm oft im Hause Drachenzeug mit der Handnähmaschine nähen. Drohte der Wind abzuflauen, so wurde das Zeug provisorisch mit Stecknadeln am Drachengestell befestigt, besonders wo es galt, eine neue Erfindung, z. B. die des Treppendrachens, auszuprobieren. Versuche mit rotierenden Fallschirmmodellen führte Köppen im zwei Stock hohen Bibliothekzimmer der Deutschen Seewarte mit Begeisterung seinen Kollegen und Neumayer vor.
Alle aerologischen Expeditionen wandten sich in jenen Jahrzehnten nicht nur an Aßmann und Hergesell, sondern auch an Köppen mit der Bitte, die Ausrüstung zu besorgen oder wesentlich dabei mit Rat und Tat zu helfen. Die Samoa Expedition, die noch sieben Malay - Drachen erhielt, die "Gauß" - Expedition unter E. von Drygalski, die ,Deutschland"- Expedition unter Filchner, die „Planet“ Expedition (Abbild.), für die Köppen eine ganz neue praktische Drachenwinde
(Abbild.) haute, also zum Techniker wurde, und die "Möve - Expedition"; viele Ausländer bestellten bei ihm Drachen (Abbild.). Als mit der Entwicklung der Funkentelegraphie in Deutschland hohe Türme errichtet wurden, nutzte Köppen neben Hellmann sie zur Erforschung der Luftschichten aus. Er ließ registrierende Anemometer am Eilveser Turm in den verschiedenen Höhen anbringen und bearbeitete die Ergebnisse.
Neben Hergesell ist es Köppens Anregung und Durchführung zu danken, daß die Luftströmungen über den Ozeanen, dem Atlantischen und Stillen Ozean systematisch mit Pilotballonen durchforscht wurden. Selbst hinauszufahren, um diese schönen Beobachtungen zu machen oder einen jüngeren Meteorologen der Seewarte hinauszusenden, war damals aus etwas übertriebenen Sparsamkeitsgründen der Ministerien nicht möglich. Auf Grund der Beobachtungen eines von ihm ausgebildeten und beauftragten Navigationslehrers und von Seeleuten stellte Köppen als einer der ersten die fundamentals und für die Wirtschaftlichkeit eines Ozeanluftverkehrs wichtige Tatsache als allgemeingültig fest, daß der Passat seine große Stetigkeit und Stärke schon in 1 bis 2 km Höhe vollständig verliert und in dieser Höhe ganz schwachen wechselnden Winden, den Antipassaten aus Südwest, den Hergesellschen Nordwestwinden und östlichen Winden Platz macht.

  
"
Köppen Drachen" mit und ohne Flügel an Bord der "Planet"
Zusammenlegbar durch Herausnahme der acht Mittelholzstäbe.  

Der Blick für die meteorologischen Zusammenhänge über große Gebiete, über ganze Erdräume, die in der neuesten Meteorologie berechtigterweise eine große Rolle spielen, zeigte sich bei Köppen durch Einführung und Verwendung des Korrelationsfaktors.
Und nun Köppens klimatologische Ader!  Erstaunliches leistete der Nestor der klimatologischen Forschung, wie Süring ihn nennt, auf diesem Gebiet bis auf den heutigen Tag. Auf vieles haben wir schon hingewiesen. Köppen fing als Botaniker seine akademische Laufbahn an und übertrug seine botanischen Kenntnisse auf die Klimatologie: "On reviedt toujours á ses premiers amours", sagte er mir einmal. 1899 erschien seine Klimalehre, 1900 seine grundlegende Klassifikation der Klimate nach der Pflanzenwelt, 1906 seine Klimakunde usw., bis die Vollendung kam: 1923 "Die Klimate der Erde" und 1924 zusammen mit Wegener "Die Klimate der Geologischen Vorzeit". In seiner "Klimaformel", entsprechend dem späteren "Klimagramm" Hellmanns, verband Köppen alle meteorologischklimatischen Faktoren in nutzbringender Weise.
Köppens Idealismus zeigte sich auch außerhalb seiner Berufsarbeiten in seiner Stellungnahme zu neuen Ideen und Lehren. Er griff mit Begeisterung vieles auf, und setzte seine ganze Tatkraft in die Verwirklichung der Idee, die er einmal für richtig hielt. Dies zeigte sich u. a. im Esperanto, das er eifrigst erlernte und worin er seit 1908 such publizierte, in seiner bekannten Kalenderreform (neben Herm.Rese), in der Bodenreform, im Antialkoholismus, in der Nährdienstpflicht usw.
Ein Idealkommunismus scheint ihm oft vorgeschwebt zu haben. Dabei war - er die Anspruchslosigkeit selbst, die bis zur Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst ging; z. B. bezahlte er gelegentlich früher die Fahrkarte 3. Klasse auf der Eisenbahn bei einer Dienstreise lieber selbst, als daß er sich zwingen ließ, 2. Klasse zu fahren, weil er es auch sonst nicht tat; ferner legte er, als er nach Deutschland kam, den Adel ab. Hierin handelte er wie sein Kollege und Landsmann, der hervorragende Meteorologe und Geograph Woeikof (von Wojeikoff, 1842 bis 1916), der zwar nicht ganz die meteorologische Bedeutung- von Köppen erreichte, ihn aber als Sonderling, weit übertraf.

 

 Köppen übergibt die nach seinen Angaben für den "Planet" gebaute Drachenwinde dem Aerologen - Offizier Schweppe.  
Hilfsbereit und mildtätig war Köppen trotz seiner beschränkten Mittel und großen Familie, wie selten jemand. Trotzdem er fünf Kinder hatte, nahm er noch einen achtjährigen Neffen und eine sechsjährige Nichte, deren Vater gestorben war, bis diese selbständig wurden, in seine Familie auf. Köppen war Mitgründer und Mitarbeiter am Eimsbütteler Knabenhort und an der Eimsbütteler Volksbibliothek. Selbst am Heiligabend fehlte er nicht bei der Weihnachtsbescherung in seinem Knabenhort. Den Kindern war er ein Quell, ihren Wissensdurst zu stillen. Abschlagen und verbieten konnte er Kindern kaum etwas, er wollte sie so zur Freiheit und Selbstzucht erziehen. Er opferte ihnen gern, seine Zeit, dafür arbeitete er bis in die Nacht für seine Wissenschaft und Behörde.
Als einmal russische Studenten wegen ihrer nach zaristischer Auffassung zu freien Meinung aus Rußland flüchten mußten, sorgte Köppen für diese Flüchtlinge in Hamburg und half dieser russischen zukünftigen Intelligenz, nach Amerika weiter zu kommen.
Auch seinen Fachgenossen gegenüber war Köppen stets hilfsbereit, wie selten jemand, ja es freute ihn, wenn er geben konnte von seinem Geiste. Auch sein damals zukünftiger Schwiegersohn erfuhr dies, als dieser ihn bat, das Manuskript seiner "Thermodynamik" vor der Veröffentlichung mit ihm durchzusehen. Wer auch immer von den Fachgenossen zu ihm kam und kommt: Köppen hilft, nicht eifersüchtig und doch als selbstbewußter Mann von gesundem Ehrgeiz. Eine ganze Persönlichkeit nach innen und außen, die niemand vergibt, ob er ein oder hundert Mal mit ihm zusammen war!  Köppen strebt und gibt. Er weiß mit uns, daß das Erdenleben des Menschen ein ewiger Kampf um wechselnde, verschiedene Ziele ist, der aber erhellt wird durch innere und äußere Freuden. Mögen Köppen solche Freuden im 9. Jahrzehnt seines Lebens reichlich beschieden sein, dann wollen wir als Mensch zu Mensch mit A. Goldtammer singen:
  "Leise, leise sinkt die Blüte,Und Du merkst es kaum !Lieb' und Lied hält im GemüteWach den Jugendtraum." Als Kämpfer um die Meteorologie rufen wir unserem Altmeister aber mit Theodor Körner zu: ,,- Es ist der Erdenkampf die Nacht, Der Tod die Morgenröte, und am Grabe Entsteigt die Sonne der Unsterblichkeit."