Der gezähmte Blitz


 
 
Der Leibarzt der Königin
Im Physikhörsaal der Prager Universität wartet an einem Frühlingsvormittag des Jahres 1750 eine gespannte Hörerschaft auf die Dinge, die da kommen sollen. Es sind nicht nur Studenten, die den angekündigten Versuchen des Jesuitenpaters und Mathematikers Franz über Elektrizität beiwohnen wollen, sondern auch Professoren
der naturwissenschaftlichen Fakultät, Ärzte, Ingenieure, Beamte. Und nicht nur die Probleme der elektrischen Erscheinungen sind es, die ein so großes Interesse im breiteren Publikum finden, sondern auch die Anwesenheit eines Gastes und Freundes des Vortragenden: des Pfarrers Prokop Diwisch aus dem Dorf  Prenditz bei Znaim
in Mähren.
Pfarrer Diwisch hat neben dem Pater Franz am Experimentiertisch Platz genommen und scheint wenig bekümmert um die allgemeine Aufmerksamkeit, die er erregt. Denn man bekommt diesen interessanten Mann nicht oft zu Gesicht in Prag. Das ganze Jahr hindurch sitzt er in seiner winzigen Pfarre, erfüllt gewissenhaft die Verpflichtungen seines geistlichen Amtes; aber jede freie Minute verwendet er zu naturwissenschaftlichen Experimenten, die ihm in der .gelehrten Welt schon einen guten Namen eingetragen haben Experimente,
die den Naturgewalten Wasser, Feuer und der neuen geheimnisvollen Kraft Elektrizität ihre Geheimnisse zu entlocken versuchen. Schon mehrmals hat er seine Prenditzer Bauern wochenlang verlassen müssen, um auf allerhöchsten Befehl nach Wien zu reisen und dort dem Kaiser Franz und der Kaiserin Maria Theresia Versuche mit »elektrischem Feuer« vorzuführen. Im übrigen hat Pfarrer Diwisch seine eigenen Gedanken darüber,
wie man das Gewitter, das zweifellos eine elektrische Erscheinung sei, unschädlich machen könnte - ungewöhnliche Gedanken für einen Geistlichen, der doch eigentlich Naturkatastrophen ergeben als Zeichen
Gottes hinnehmen sollte.
Nun hört er aufmerksam zu, während Pater Franz seinen Einleitungsvortrag über Elektrizität hält.
Die griechischen Frauen im Altertum, erzählt der Pater, benutzten gern Spindeln, die mit Bernstein verziert waren, denn das half ihnen über die Langeweile der Spinnarbeit hinweg. Wenn sich nämlich die wollenen Fäden am Bernstein rieben, geriet er in einen eigentümlichen Zustand: er zog die Fäserchen, die sich von der Wolle lösten,
an und stieß sie dann wieder ab. Das bot einen lustigen Anblick und vertrieb ein wenig die Zeit. Allerdings war es ein Spiel nur für reiche Frauen; denn der Bernstein mußte vom hohen Norden, wo man ihn an der Küste fand, herbeigeschafft werden und galt als große Kostbarkeit. Wegen seiner merkwürdigen Eigenschaft nannte man ihn »elektron«, von »elkein«, anziehen. Aber die Griechen - auch ihr großer Gelehrter Thales von Milet, der schon um 600 v. Chr. die Anziehungskraft des Bernsteins beobachtete - machten sich nur wenig Gedanken darüber,
und es dauerte fast zweitausend Jahre, ehe sich die Wissenschaft näher damit befaßte.
Der erste moderne Forscher - so berichtet Pater Franz weiter -, der sich für die Kraft interessierte, die er »Elektrizität« nannte, war William Gilbert, der Leibarzt der englischen Königin Elisabeth. Er baute eine Elektrisiermaschine, die im 17. Jahrhundert ein beliebtes Spielzeug vornehmer Gesellschaften wurde.
Otto von Guericke, der Bürgermeister von Magdeburg, führte Gilberts Forschungen weiter. Guericke,
der Erfinder des Thermometers und des Barometers, Forscher auf dem Gebiet des Luftdrucks, vervollkommnete Gilberts Reibungs-Elektrisiermaschine und ergänzte dessen Liste der Körper und Stoffe, die durch Reiben elektrisch werden.
Endlich begann man zu ahnen, daß das Knistern und die Funken der Elektrisiermaschine im Kleinen die gleichen Erscheinungen sind wie Donner und Blitz im Großen. In Leyden in Holland, erzählt Pater Franz zum Schluß, wurde 1746 als jüngstes elektrisches Instrument von dem Physiker Cunaeus eine Flasche erfunden, die jedem,
der sich ihr nähert, einen starken elektrischen Schlag zu versetzen vermag. Pater Franz zeigt den Apparat,
den er nach Cunaeus' Anweisungen selbst gebaut hat: einen oben offenen Glaszylinder, innen und außen bis zu zwei Dritteln seiner Höhe mit Stanniol belegt; mit dem inneren Stanniolbelag verbunden ist eine Metallstange mit einem Metallknöpfchen in der Mitte des Glaszylinders. Diese Leydener Flasche, wie man den Apparat nennt,
soll die von einer Elektrisiermaschine erzeugte Elektrizität sammeln und konzentrieren.
 
Man spielt dem Pater Franz einen Streich
Nun beginnen die Experimente. Pater Franz verbindet den Knopf der Leydener Flasche mit dem Konduktor einer Elektrisiermaschine durch ein Stück Draht. Während er die Kurbel des Apparates dreht, hält er die Flasche in der anderen Hand, so daß sie mit dem Erdboden verbunden ist. Nun sprüht sie Funken und erteilt den mutigsten Zuhörern, die sich dazu erbieten, elektrische Schläge. Ein kleines Gewitter bricht im Hörsaal los, daß dem staunenden Publikum Mund und Augen offenstehen. Nur Pfarrer Diwisch sitzt ruhig und lächelnd neben dem experimentierenden Jesuitenpater; all diese Wunder scheinen ihm gar nichts Neues zu bedeuten.
Wieder hat Pater Franz eine Reihe von Gegenständen, die auf dem Experimentiertisch liegen, elektrisch geladen. Da steht plötzlich Pfarrer Diwisch auf und beugt sich tief über den Tisch, als wolle er die Versuche ganz genau beobachten. Pater Franz läßt die Umstehenden ihre Finger in die Nähe der elektrisch geladenen Gegenstände bringen, um ihnen wieder das Wunder der überspringenden Funken zu zeigen.
Aber diesmal will es gar nicht funktionieren. Was ist denn nur los? Pater Franz läßt von neuem die Elektrisiermaschine laufen, verbindet Drähte mit der Leydener Flasche, reibt Glasstäbe - nichts, kein Fünkchen zeigt sich, kein Knistern verrät die Anwesenheit der Elektrizität. Immer noch steht neben dem Pater der Pfarrer über den Tisch gebeugt, und man kann gar nicht erkennen, ob er überrascht ist wie die anderen, oder ob er in sich hineinschmunzelt . . . Bis er sich endlich aufrichtet, hochrot im Gesicht - aber nicht vom Bücken, sondern von verhaltenem Lachen. »Seien Sie mir bitte nicht böse, aber ich habe gerade ein kleines Sonderexperiment gemacht!« erklärt er schließlich. Und als man ihn verständnislos anstarrt, nimmt er seine weiße Puderperücke
vom Kopf, streicht die Perückenhaare zurück und zeigt eine seltsame Vorrichtung, die er eigens zu diesem Zweck eingebaut hat: zwanzig eiserne Spitzenstifte auf einem Band. »Diese Stifte, liebe Freunde, haben aus den elektrisch geladenen Gegenständen die Elektrizität angezogen und abgeleitet, als ich mich darüberbeugte - deshalb konnten Sie keine Funken herausziehen!«
 
Berlin antwortet nicht
Pater Franz ist gar nicht ärgerlich über den Streich, den ihm sein Freund gespielt hat; er vermutet sogar,
daß dahinter mehr steckt als .die Absicht eines guten Witzes. Nach der Vorführung, als sie allein sind, bestätigt Pfarrer Diwisch diese Vermutung. »Glauben Sie nicht, lieber Konfrater, meint er, »daß man mit einem genügend großen Apparat die himmlische Elektrizität genau so ableiten könnte? Wenn man nun das Gewitter auf diese Art unschädlich machen könnte, Menschenleben und Sachwerte vor Blitzschlag retten . . .«
»Sie versündigen sich!« ruft Pater Franz erschrocken. »Blitz und Donner sind Zeichen Gottes, und nach seinem unerforschlichen Ratschluß schlägt er damit die sündige Menschheit. Es wäre eine Vermessenheit, größer als die des Turmbaus zu Babel, wollte der Mensch seine Hand gegen die Werkzeuge des göttlichen Ratschlusses erheben. Es kann dem Herrn nicht mißfallen, wenn wir die Wunder seiner Schöpfung erforschen und in unseren Laboratorien mit Elektrizität experimentieren, ad maiorem Dei gloriam. Aber hüten wir uns vor Eingriffen in die göttliche Ordnung der Dinge! Fürchterlich wäre unsere Strafe.«
Prokop Diwisch schweigt, fährt nach Prenditz zurück . . . und beginnt einen »Wetterleiter« zu bauen, der das »elektrische Feuer« in den Wolken zerstreuen und es auf einen bestimmten Punkt der Erde herabziehen soll,
um es so unschädlich zu machen. Pfarrer Diwisch ist ein guter Katholik und Seelsorger, aber er ist auch ein moderner Mensch: er weiß, wie nahe der Glaube dem Aberglauben verwandt ist; er spürt, daß sich die Wissenschaft erst von der Bevormundung der Kirche befreien muß, damit eine objektive Untersuchung irdischer und »überirdischer« Erscheinungen einsetzen kann.
Mitten in seinen Experimenten liest er in der »Prager Zeitung« eine Meldung, die ihn lebhaft an jenes Gespräch mit Pater Franz zurückdenken und einen kurzen Augenblick lang erschauern läßt: Professor Richmann in Petersburg ist bei einem Versuch, die Gewitter-Elektrizität zur Erde abzuleiten, getötet worden. Aber dann liest Diwisch die Beschreibung des Gerätes, das dem Professor den Tod gebracht hat, und erkennt, daß hier nicht »göttliche Strafe« vorliegt, sondern eine glatte Fehlkonstruktion. Denn der »Wetterleiter« des Professors war so konstruiert,
daß er den Blitz auf den Unglücklichen herabziehen mußte, statt die Elektrizität in die Erde abzuleiten.
Diwisch schreibt eine kurze, prägnante Abhandlung über seine Gedanken und schickt sie nach Berlin an den Direktor .der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Professor Euler. Er wartet Wollen, Monate auf Antwort. Bis er auf Umwegen erfährt, daß die überklugen Berliner seine Vorschläge für Hirngespinste halten, keiner Entgegnung wert. Diwisch beschließt, sich nicht mehr um die Meinung der Gelehrten zu kümmern und beginnt mit dem Bau seines ersten großen »Wetterleiters«.
 
Die Bauernrevolte von Prenditz
Seltsam sieht dieser erste Blitzableiter aus: an der Spitze einer 40 Meter hohen Holzstange ist eine kurze,
4 Zentimeter dicke Eisenstange befestigt; unterhalb der Stangenspitze befinden sich drehbare Blechflügel,
die aber nur die Vögel verjagen sollen. Von der Eisenstange gehen wiederum Querstangen aus, die drei Kästchen aus Blech tragen; die Kästchen sind je 30 Zentimeter lang, mit Eisenfeilspänen gefüllt und mit Holzdeckeln versehen; die Holzdeckel haben zahlreiche Löcher, durch die kleine Messingspieße gesteckt sind, die in den Feilspänen münden und die Elektrizität aus den Wolken »herabsaugen« sollen. Eine Eisenkette verbindet die Eisenstange an der Spitze mit dem Erdboden.
Dieser »Wetterleiter« oder »Konduktor« - .der erste Blitzableiter der Welt - wird am 15. Juni 1754 unweit des Prenditzer Pfarrhauses aufgestellt, und gespannt beobachtet Diwisch, wie sich das Vetter zu dem neuen Apparat verhalten wird. Wirklids zieht noch am gleichen Tag ein Gewitter herauf, und Diwisch glaubt zu sehen,
wie es geraden Kurs auf die Stange nimmt, wie sich in den schwarzen Wolken allmählich weiße dünne Streifen bilden und das Gewitter an Energie abzunehmen scheint. Plötzlich zuckt ein heftiger Blitz herab, genau über der Stangenspitze öffnet sich ein heller Wolkenfleck, und das Gewitter beginnt sich in sanftem Regen aufzulösen . . . Der Pfarrer von Prenditz ist überzeugt, daß dies die Art sei, wie ein Blitzableiter funktionieren müsse, uni schreibt dem Kaiser nach Wien, er schlage die Aufstellung mehrerer solcher Apparate in verschiedenen Gegenden der Monarchie vor. Der Kaiser befragt die Wiener Gelehrten, die sich als nicht gescheiter erweisen als die Berliner Akademiker und dem Monarchen dringend abraten, für solchen Unsinn Geld auszugeben. Es bleibt also bei dem einzigen Exemplar in Prenditz.
Das Jahr 1756 bringt in Mähren einen sehr trockenen Sommer, und die abergläubischen Bauern sind überzeugt, daran sei nur die Hexenmaschine des Pfarrers schuld. Ohne Ehrfurcht vor dem geistlichen Stand des Erfinders reißen sie mit Hacken und Mistgabeln die Stange zu Boden und raten dem hochwürdigen Herrn Pfarrer,
sie ja nicht mehr aufzustellen. Auch Diwischs Vorgesetzte, die er um Rat fragt, meinen, es sei besser,
die Bauern nicht weiter zu verärgern. Diwisch gehorcht und schickt den »Wetterleiter« nach Bruck ins geistliche Stift, wo man ihn aufbewahrt.
Aber der Pfarrer von Prenditz kann das Erfinden nicht lassen. Er konstruiert eine Musikmaschine, die alle Instrumente nachahmen und 130 verschiedene Klangdiaraktere erzeugen kann - einen Vorläufer der modernen Kino-Orgel. Der preußische Prinz Heinrich erfährt von dem Wunderinstrument und fragt in Prenditz an,
was es kosten soll. Noch während der Kaufverhandlungen stirbt Prokop Diwisch, 69 Jahre alt, im Dezember 1765. Auch die Orgel wandert ins Stift nach Bruck, wo Diwisch einst in den geistlichen Stand eintrat.
Dort hält sich der Prior einen eigenen Organisten, der das Instrument spielen kann.
Diwischs Tod wird in ganz Böhmen und Mähren betrauert. Die Zeitungen bringen ein zeitgemäßes Epigramm:
  »Non laudate Iovem, gentes! Quid vester Apollo?
Iste atlagis Deus est fulmini atque soni.«
 
»Prahlt nicht, mit Jupiter und Apollo, ihr Heiden!
Dies hier war ein größerer Meister des Blitzes und Tons.«  
Zehn Jahre nach seinem Tod wird am Prager Pulvermagazin von Amts wegen ein Blitzableiter befestigt, der erste in Böhmen. Diwischs Werk beginnt Früchte zu tragen - ein anderer Forscher jenseits des Ozeans führt durch, was dem mährischen Dorfpfarrer versagt blieb.
 
Der Drache mit dem Schlüssel
Den Jungen, der am 17. Januar 1706 in Boston als fünfzehntes Kind eines armen, aus England eingewanderten Seifensieders zur Welt kam, nannten die Eltern Benjamin - weil er wohl der Jüngste bleiben würde. Aber es kamen doch noch zwei Geschwister nach. So konnte von sorgfältiger Erziehung Benjamins niest die Rede sein; und oft fehlte es am Allernötigsten im Hause Franklin. Bald mußte er arbeiten. Er wurde Lehrling und lernte buchdrucken.
Fast noch ein Kind, begann er schon für Zeitungen zu schreiben, und als junger Mann Anfang der Zwanzig gab er einen Almanach heraus. "Poor Richards Almanac" wurde zum "bestseller" im englisch sprechenden Nordamerika und war ein Vierteljahrhundert lang die populärste Zeitschrift. Franklin verdiente viel Geld damit und trat in die Politik ein. Vierzehn Jahre hindurch war er Mitglied der "Assembly", der Volksvertretung von Pennsylvanien.
 Erst als Mann Mitte der Dreißig begann er sich für Naturwissenschaft zu interessieren; und er war schon ein Vierziger, als er zu der Überzeugung kam, daß das Gewitter nichts anderes sei als die Ausgleichung zweier entgegengesetzter Elektrizitätsspannungen. Er sah, daß sich der Ausgleichsfunke, der Blitz, mit Vorliebe hohe Türme und Bäume zum Einschlag aussuchte, und kam auf den Gedanken, ob man diese Kraft nicht willkürlich auf die Erde lenken könne. Und so stellte er - ohne von der Existenz des Pfarrers Diwisch eine Ahnung zu haben,
und ohne daß Diwisch in seinem mährischen Nest von Franklins Existenz eine Ahnung hatte - ganz ähnliche Versuche an wie der Pfarrer. Sein berühmt gewordenes Experiment mit dem Drachen war gefährlicher,
als er selbst ahnte: an einem seidenen Drachen befestigte er eine eiserne Spitze, und am Ende der Halteschnur
als Griff einen stählernen Schlüssel. Im Sommer 1752 begab er sich mit seinem kleinen Sohn auf eine Wiese bei Philadelphia und ließ den Drachen in den Gewitterhimmel aufsteigen. Zu seiner Freude sah er, daß er recht gehabt hatte - aus dem Schlüssel sprang ein Funke auf sein Handgelenk über. Hätte der Blitz in den Drachen wirklich eingeschlagen, so hätte dies den unvorsichtigen Forscher das Leben gekostet.
Beim nächsten Experiment befestigte er eine isolierte Eisenstange an seinem Haus und lud mit der Luftelektrizität eine Leydener Flasche. Zur gleichen Zeit, als Diwisch seinen »Wetterleiter« baute, kam auch Franklin dem Gedanken der willkürlichen Unschädlichmachung des Blitzes praktisch näher. Aber sein hohes Amt - der Sohn des Seifensieders hatte es bis zum Generalpostmeister aller britischen Kolonien in Nordamerika gebracht - ließ ihm wenig Zeit. Erst 1760 konstruierte er den ersten Blitzableiter auf dem Haus eines Kaufmanns in Philadelphia. Dabei glaubte Franklin zu erkennen, daß die Hauptaufgabe des Blitzableiters nicht die »Anziehung« des Blitzes sei, sondern die durch die Metallspitze ständig erfolgende Ausstrahlung von Erdelektrizität; auf diese Art werde ohne Blitz ein gewisser Ausgleich der beiden Spannungen hergestellt. Bemerkenswerterweise gibt die moderne Wissenschaft nicht dieser Theorie Franklins, sondern der des Pfarrers Diwisch recht: tatsächlich »zieht«
der Blitzableiter den Blitz an - freilich anders, als man es sich vor zweihundert Jahren vorstellte; der hoch angebrachte Blitzableiter öffnet dem Blitz den kürzesten Weg zum Ausgleich der Spannung.
 Aber dem Siegeszug des Blitzableiters war die politische Lage höchst ungünstig. Der Kampf um die Unabhängigkeit der britischen Kolonien hatte begonnen, und Franklin, einst königstreu gesinnt, stand nun in der ersten Reihe der Freiheitskämpfer, nachdem die verbohrte Kolonialpolitik Londons ihn tief enttäuscht hatte. Sein Ärger fand Ausdruck in einem satirischen Pamphlet, »Rules for Reducing a Great Empire to a Small One.
(Wie man aus einem großen Reich ein kleines macht.)
Als die Amerikaner gesiegt hatten, begann der Blitzableiter sich durchzusetzen. Im Jahre 1782 - der Emigrantensohn Benjamin Franklin war bereits der erste Botschafter der USA in Paris geworden - besaßen alle öffentlichen Gebäude Philadelphias schon ihre Blitzableiter, mit Ausnahme der französischen Botschaft.
Und gerade in dieses Haus schlug der Blitz ein und tötete einen Offizier! Das entschied den Welterfolg der neuen Erfindung, gegen das sich die Frömmler und Abergläubischen lange genug gesträubt hatten. Bis in sein hohes Alter hinein war Franklins erfinderischer Kopf unermüdlich tätig. Man erzählte sie Wunderdinge von seinen Experimenten. So soll er einmal seinen Freunden in der Nähe von Philadelphia die Übermittlung elektrischer Zeichen von einem Flußufer zum andern vorgeführt haben, und dann habe es ein Picknick gegeben, bei dem der Truthahn durch einen elektrischen Schlag getötet und an einem mit der Leydener Flasche entzündeten Feuer mit einem elektrisch betriebenen Bratenwender geröstet worden sei - aber diese Geschichte darf wohl ins Reich der Legenden verwiesen werden. Dagegen ist es Tatsache, .daß Franklin als erster auf den Gedanken der Sommerzeit kam, die er in einer Flugschrift den Franzosen zur Lichtersparnis vorschlug. Ein anderes Bächlein des Gelehrten beschäftigte sich mit dem Ursprung des Schnupfens. Ferner erfand er einen nichtrauchenden Ofen und gründete die erste Leihbibliothek Amerikas.
So ist es nur allzu verständlich, daß die Nachwelt die Erfindung des Blitzableiters lieber mit dem großen Namen des Staatsmannes und Gelehrten Benjamin Franklin verknüpfte als mit dem des kleinen Dorfpfarrers Prokop Diwisch, der zu früh gestorben war, um den Sieg des Blitzableiters mitzuerleben.
 
 
Aus Abenteuer der Technik von Egon Larsen 1954