Die Drachenflieger.

Ausschnitt aus dem Buch:
 
Der praktische Flugtechniker von 1910
 von
 
Dr. Wegner von Dallwitz
 

Die Drachen- oder Gleitflieger, auch Handflieger genannt, sind die Vorläufer der eigentlichen Flugmaschinen; mit ihnen haben sich zuerst Menschen dem unsichersten Element anvertraut, das noch weit weniger Balken hat,
als Wasser.  Die Drachenflieger haben aber nicht nur geschichtliches Interesse, ihre praktische Bedeutung nimmt vielmehr täglich als Lehrapparate für zukünftige Flugler zu.  Die Bedienung einer Motor-Flugmaschine erfordert ein solches Maß von sachkundiger Aufmerksamkeit, daß niemand eine Flugmaschine besteigen sollte, der sich nicht zuvor durch Gleitflüge ans Fliegen gewöhnt und sich einige instinktive Fertigkeiten angeeignet hat, von deren automatischer Anwendung seine Sicherheit in der Luft abhängt.  Die Zeit ist sicher nicht mehr fern, in der das Drachenfliegen obligatorisch in den Turnunterricht der Schulen aufgenommen werden wird.
 

Wann ein Drachenflieger zum ersten Male benutzt wurde, läßt sich schwer feststellen; Flugversuche dieser Art reichen weit zurück.  Wer sich für die Geschichte des Fluges überhaupt interessiert, dem sei das ausgezeichnete Buch von Heinrich Adams, "Flug", empfohlen.  Man kann aber feststellen, daß die moderne Flugschiffahrt mit den Versuchen des deutschen Ingenieurs Otto Lilienthal einsetzt, der zum ersten Mal als moderner Techniker in mehr als 20 jähriger systematischer Arbeit mit Drachenfliegern opferte und die besten Flugbedingungen zu eruieren suchte.  Er durchflog mit seinen Gleitfliegern, die bis zu 18 qm Tragdeck besaßen, von 30 m Höhe Strecken bis zu 4oo Metern.  Am 9. August i896 stürzte er aus 15 m Höhe ab und verunglückte tödlich.
In Deutschland blieb es nun still auf dem Gebiete der Flugschiffahrt, aber im Auslande hatten die Versuche Lilienthals ein Echo gefunden; in Frankreich griff namentlich der Artilleriehauptmann Ferber Lilienthals Resultate auf, ohne sie über weiter entwickeln zu können; aber in Amerika fand das Werk Lilienthals einen fruchtbaren Boden.  Hier ist zunächst Oktave Chanute zu nennen, der im Geiste Lilienthals Gleitflüge unternahm, ohne aber einen Schritt vorwärts zu kommen, bis endlich die Brüder Wilbur und Orville Wright sich der neuen Sache annahmen.  Die Brüder Wright wurden, wie sie selbst erzählen, unmittelbar durch die Nachricht vom Tode Lilienthals dazu veranlaßt, sich ernsthaft der Flugfrage zu widmen, und es gelang ihnen, nach jahrelanger rastloser und undankbarer Arbeit, den Gleitflieger zur Flugmaschine, zum Motor-Drachen weiter zu entwickeln.
Am I7.  Dezember 1903 konnten die Brüder zum ersten Mal ihren Motor-Drachen einem geladenen Publikum vorführen, zum ersten Mal flog dort ein Mensch durch die Kraft seiner Vorrichtungen vom Erdboden auf zu einem selbständigen Fluge.


Figur 3.
 

Drachenfliegertypen.

Die Hand-Drachen können als Eindecker und als Mehrdecker gebaut, und sie können mit verhältnismäßig kleinen, als auch mit verhältnismäßig großen Tragdecken ausgerüstet werden, je nach dem Übungszweck, dem sie dienen sollen.  In Figur 1. und 2. ist ein ganz kleiner Apparat von Carl André, Frankfurt a. M., Steinweg 7, abgebildet,
der wohl kaum schon zu eigentlichen Flug versuchen geeignet ist; die Firma stellt aber auch größere Apparate her, die ähnlich aufgebaut sind.  Der kleine Apparat kostet 100 Mark, ein etwas größerer, der zu Vorversuchen für den Gleitflug bestimmt ist, und dem Flugler die nötige Sicherheit im Behalten des Gleichgewichts geben soll, kostet
250 Mark, und ein Apparat zur Ausführung größerer Gleitflüge 500 Mark.  Die Apparate werden vermittels einer "Weste" am Körper befestigt, die "Schwingen" der kleinen Apparate sind drehbar daran befestigt, und zusammenlegbar. Figur i zeigt die Schwingen in zusammengelegtem, Figur 2 in auseinandergezogenem Zustande.


Figur 4.
 

Die Befestigung der größeren Apparate wird durch einen Reitgurt noch bequemer gemacht.
Ähnlich ist der Gleitflieger von Bruno Kunert in Langewiesen in Thüringen, dessen Äußeres in Figur 3 dargestellt ist.  Es sind schon viele Gleitflüge damit ausgeführt worden.  Der Apparat sitzt fest an den Schultern, die "Flügel" sind aber um je ein Schultergelenk nach oben verdrehbar, sie werden durch die nach unter gehenden Hebel in einer nahezu horizontalen Lage festgehalten, bei Gefahr aber nach oben verstellt, so daß gefährliche Stürze vermeidbar sind.  Die Spannweite der Flügel beträgt 8 m, der Tragflächeninhalt ca. 11 qm und das Gewicht ca.
25 kg.  Bei einer Windgeschwindigkeit von 3 m./sek. und einer Anlaufgeschwindigkeit von 4 m/sek. konnte sich Kunert mit dem Apparat erheben und Strecken bis 10 Meter in der Luft zurücklegen.
Wegen des Preises des Apparates setzt man sich am besten mit Herrn Kunert selbst in Verbindung.
In Figur 4. ist der Hand-Drachen des Schlesischen Flugsport-Vereins in Breslau abgebildet, dessen Tragfläche, nach Lilienthalschem Muster ausgeführt, zu 15 bis 20 qm bemessen wird.  Zum Abschweben hat sich der Verein eine Rampe gebaut, deren Neigung entgegen der Hauptwindrichtung führt.  Die Rampe ist 7 m hoch.  Der Flugler besteigt mit dem Handdrachen den in der Figur sichtbaren kleinen Wagen, der Wagen saust die geneigte Bahn herunter und erteilt dem Flugler damit die erforderliche Anfangsgeschwindigkeit, die bis 10 m/sek. betragen kann, je nachdem der Wagen vom höchsten Punkt der Rampe, oder von tieferen Stellen abgelassen wird.
Die Einrichtung rührt von dem Ingenieur Schrader, dem technischen Leiter des Vereins, her.
 

Gleitflieger Konstruktion Ursinus. 
Der Aufflug.

Gleitflieger Konstruktion Ursinus 
aus der Zeitschrift Flugsport Frankfurt.

In Figur 5. und 6. kann man einen Handdrachen des Frankfurter (Main) Flugtechnischen Vereins erkennen.
Es ist ein Zweidecker, Konstruktion Zivilingenieur Ursinus, Redakteur der bekannten Zeitschrift "Flugsport" in Frankfurt am Main, nach der Art der Zweidecker Motor-Drachen.  Auf diese Weise läßt sich der Drachen am leichtesten mit relativ großen Tragflächen herstellen.  Wir kommen auf ein Konstruktionsbeispiel davon noch eingehend zurück.  Figur 5 zeigt, wie man, am Rande einer Erhöhung stehend, den Drachen ergreift, dann einen kräftigen Anlauf nimmt, bis man den Boden unter den Füßen verliert.  Nun schwebt man durch die Luft nieder,
bis man den Erdboden wieder erreicht.  Am leichtesten lassen sich die Flüge ausführen, wenn ein kräftiger Gegenwind weht; es kann dann vorkommen, daß man hoch über die Aufflugsstelle emporschnellt, wie der Flugler in Figur 6. Das Gleichgewicht muß man durch Bewegungen mit den Beinen zu erhalten suchen, da diese Handdrachen nicht mit beweglichen Steuern ausgerüstet werden.  Der schlesische Flugsport-Verein baut aber neuerdings Höhensteuer in seine Handdrachen ein, die vor dem Drachen in der Flugrichtung sitzen.