Drachen



Was die Menschheit seit Jahrtausenden vergeblich ersehnt hat, die Eroberung des Luftraumes, das geschah in unserem Jahrhundert.
Das der Traum vom Fliegen schon seit ca. 40 000 Jahren besteht, zeigen Felsmalerein in einer Steinzeithöhle in der libyschen Wüste.

Als der Drachen seinen Weg nach Europa fand war er nur das Spielzeug der Kinder, davon erzählen Aufzeichnungen,
Märchen, Geschichten und Gedichte.

Die Kinder konnten nur im Herbst ihre Drachen steigen lassen denn nach der Ernte des Getreides durften die Felder und Wiesen erstmals wieder betreten werden und hier wurde dann das Spiel mit dem Drachen lebendig.

Das Drachensteigen aus früher Zeit erzählt besonders schön das Gedicht von Viktor Blühgen - Ach wer das doch könnte - das zu den schönsten Drachengedichten gehört.
Durch die wissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnisse unserer Urgroßväter, Großväter und Väter wurden die Verbindungen zwischen
Drachen und Flugzeug hergestellt.

Die Geschichte des Drachen ist viel bedeutsamer, als die meisten Leser
vermuten dürfen, die sich den Drachenbau und das Steigenlassen von Drachen wohl nur als einen Zeitvertreib und Spiel der Jugend vorstellen.
Während des ganzen Mittelalters gab es nur eine überragende Persönlichkeit,
die das Luftfahrtproblem wissenschaftlich durchdachte:
Leonardo da Vinci ( 1452 - 1519 ).

Das erste Fluggerät, mit dem die Menschen schon sehr frühzeitig in das Luftreich eingedrungen sind, ist der Drachen.
Allerdings gelingt es dem Menschen nicht, mit ihm das Reich der Lüfte
wirklich in Besitz zu nehmen und zu erobern.
Denn der Drachen ist ein gefesselter Flugkörper, der durch ein Seil wie mit
einer Nabelschnur fest mit der Erde verbunden bleibt.
1752 veranstaltete Franklin seinen berühmten Drachenaufstieg bei Gewitter,
um zu beweisen, daß der Blitz eine elektrische Erscheinung sei.

Die ersten bedeutenden Experimente mit der Drachenform (Bogenspitzdrachen) wurden von dem Engländer Sir Georg Cayley 1799 durchgeführt.
Den vermutlich ersten europäischen menschentragenden Flugdrachen benutzte der Engländer Pocock 1825, indem er seine Tochter mit einem Stuhl auf 90 m emporheben ließ.

Graham Bell, bekannt geworden durch seine Erfindung des Telefons, war ein vielseitiger Mensch. Durch seinen Entschluß, einen Flugapparat zu konstruieren, befruchtete er die damalige Drachenwelt um einige äußerst interessante Variationen.

Als seine größte Erfindung gilt die Tetraederform, die sich noch heute in den phantastischsten Kombinationen wiederfindet.
Am 1. August 1919 stellte man in einem Drachenaufstieg mit einem Gespann von neun sogenannten Schirmdrachen am Lindenberg Observatorium bei Berlin einen neuen Weltrekord auf. Es wurde eine Höhe von 9740 m erreicht.
Diese Höhe ist bis heute ungebrochen.

Die erste Drachenfahrt mit einem Schiff führten 1900 Hergesell und Graf Zeppelin auf dem Bodensee durch.
Teils mit den Motorbooten des Grafen Zeppelin, teils mit dem großen Dampfer " Württemberg " wurden Drachengespanne bei Windstille als auch bei Schneesturm hochgelassen.

An den meisten Wetterstationen wurden die Drachen an einem Klaviersaitendraht aufgelassen so passierte es,
daß ein in Reinekendorf abgerissener Drache nach seiner Landung derart zu liegen, daß ein Stück Draht einen Kurzschluß zwischen einer Starkstromleitung erzeugte. Dies geschah in einem Garten, dessen Besitzer seine
Obstbäume gerade besichtigte.
Bei dieser ungefährlichen Beschäftigung kam der Mann dem Draht zu nahe und verbrannte sich gründlichst.

Ein anderes Mal erhielt ein Telephonfräulein durch Kurzschluss zwischen Kraft- und Telephonleitung, über welche
sich ein gerissener Drachendraht legte, eine Entladung in ihr Ohr. Abgesehen von diesen oft recht unangenehmen Zwischenfällen gingen beinahe bei jeder Havarie hunderte Meter Draht verloren.

Der in England lebende Amerikaner Samuel Franklin Cody hat einen der interessantesten Drachen konstruiert.
Sein menschentragender Cody Drachen wurde zur militärischen Nutzung gedacht und fand im Kriegsministerium
große Anerkennung, nachdem er sich durch eine erfolgreiche Kanalüberquerung von Dover nach Calais in
13 Stunden in seinem Faltboot von einem Drachen ziehen ließ.

Einen ersten Schritt zu gänzlich neuen Konstruktionsformen bildete ein zunächst als Spielzeug gedachter Roloplan.
Dieser dreiflächige Drachen wurde im Laufe der Zeit in seiner Größe bis auf 90 qm Fläche gesteigert.
Dieser Riesendrachen zog 1913 auf dem Tempelhofer Feld mit Leichtigkeit drei Personen, die in einer Gondel saßen,
in die Luft. Da aber das Einholen dieses Drachenungeheuers größte Schwierigkeiten bereitete, wurden weitere
Versuche eingestellt.

Viele Patente, Examensarbeiten, Berichte, Geschichten und Gedichte sind um den Drachen geschrieben worden.
Diese gilt es zu bewahren in einer Zeit in der wir uns schon an die Überschallflugzeuge und Raumflüge gewöhnt haben.

Ach wer das doch nur könnte



Gedicht von Viktor Blühgen

Ach wer das doch nur könnte

Gemäht sind schon die Felder, der Stoppelwind weht;

hoch droben in den Lüften mein Drachen nun steht,

die Rippen von Holz, der Leib von Papier,

zwei Ohren, ein Schwänzchen sind all` seine Zier.

Und ich denk`: So drauf liegen im sonnigen Strahl -

ach wer das doch nur könnte, nur ein einziges Mal !


Da guckt' ich dem Storch in das Sommernest dort:

" Guten Morgen, Frau Storch, geht die Reise bald fort ? "

Ich blickt' in die Häuser zum Schornstein hinein:

Lieb Vater, lieb Mutter, wie seid ihr so klein !

Tief unter mir seh` ich Fluß, Hügel und Tal.-

Ach, wer das doch könnte, nur ein einziges Mal !


Und droben, gehoben auf schwindelnder Bahn,

da faßt' ich die Wolken, die segelnden, an;

ich ließ' mich besuchen von Schwalben und Krähn

und könnte die Lerchen, die singenden, sehn,

die Englein belauscht' ich im himmlischen Saal.-

Ach wer das doch könnte, nur ein einziges Mal !



Und Heute !

Befinden wir uns im Zeitalter der Überschallflugzeuge und Raumflüge !