Die  Drachenkette 

 
Wir wollen hoch hinaus. Ein guter gebauter Drachen mittlerer Grösse trägt bei günstigem Wind zirka 600 - 800 m Schnur und mehr. Lässt der Wind aber einmal nach, liegt der Schnuranfang ziemlich flach und der Drachen steht niedrig. Es wäre ungekonnt,würden wir si viel Schnur geben, bis sie gar am Boden schleppt. Auf die Anzahl der Meter,die man abhaspeln kann, kommt es uns nicht an. Unser Drachen soll steil hochklettern und die Neigung der der Schnur soll sich überraschend der Senkrechten nähern. Wir wünschen uns also einen Drachen mit starkem Auftrieb.
Er soll 400, vielleicht sogar 600, am Ende gar 800 m erreichen. Wenn der Drachen eine so lange Schnur bewältigen soll, müssen wir ihn grösser machen, denn mit zunehmender Grösse wird das Verhältnis des Aufwindes zum Eigengewicht günstiger. Damit die Schnur den starken Drachen hält, muss sie nun aber auch stärker sein.Wir müssen also den Drachen wiederum vergrössern, damit er die schwere Schnur gestreckt mitnehmen kann. So bauen wir schliesslich ein rechtes Drachenungeheuer, von dem es noch fraglich ist,ob es die Höhe erreicht,die wir uns wünschen. Geben wir also lieber den Traum vom grossen Drachen auf. Aber unsere Überlegung war richtig: die tragende Fläche muss grösser werden. Die sachgerechte Lösung für unser Problem ist die Drachenkette. Mit ihr können wir die grösstmögliche Höhe erreichen. In der Drachenkette werden mehrere handliche Dracheneinheiten so zusammengekoppelt, dass sich ihre Flächen addieren. Dabei ist die einzelne Einheit in sich beweglich und selbstständig, aber mit ihrer jeweiligen Hubkraft in den Hauptkraftstrom. Ein leistungsfähiger Typ wäre zum Beispiel ein Rolldrachen 120 zu 80
(= Spannweite zu wirksamer Rumpflänge), der sich für unsere Zwecke besonders gut eignet, weil bei ihm die sogenannte Waage in Wegfall kommt. Um eine Zahl zu nennen, wären 6 ganz gleiche Windvögel und dazu 6 Windbremsen in Vier - Hütchen Bauweise anzufertigen. Die Verbindung der Dracheneinheiten soll so erfolgen, dass einzelnen Drachen untereinander beliebig austauschbar sind. Dafür werden lose sitzende , sehr feste Halteschlaufen aus dicker Schnur durch das Gelenk gezogen. Die Schlaufen gleichen das Kräfteverhältnis zwischen dem Zug nach oben und dem Zug nach unten aus, ohne den Drachen zu vertrimmen. Das schöne Bild der Drachenkette am Himmel erfordert, dass die Abstände zwischen den Einheiten alle gleich sind. Weniger als 20 m ist nicht zweckmässig, weil sich die einzelnen Drachen sonst gegenseitig in Unruhe bringen. Für einen Höhenaufstieg wird man als Abstand 100 m nehmen,um gleichsam eine Masscala in die luft zu bauen. 
 

Der Start der Drachenkette 
Zunächst soll einmal angenommen werden, es herrsche ein mässiger Wind in Bodennähe. Die erste Einheit wird fertig gemacht und man lässt sie aus dem Stand steigen. Nach der gewünschten Schnurgabe von 30, 50 oder 100 m wird abgeschnitten und das ziehende Ende wird dem zweiten Drachen ins Kreuz gebunden, und zwar an der Oberseite mittels der durchgehenden Halteschlaufe. Das andere, an der Unterseite hervorstehende Ende wird mit dem Schnuranfang der Haspel belegt. Dann bekommt der zweite Drachen seine Luftbremse und wird vom ersten Drachen mitgenommen, bis er selbst Wind fängt und seine volle Leistung beisteuert. Vorläufig genügt dieser Zweierzug, man geht damit auf Höhe und macht sich mit den ungewohnten Bedingungen vertraut.
Der Schnurzug ist gegenüber dem Einzelaufstieg um das doppelte angewachsen. Man wird nun überprüfen, ob die Schnur noch einen dritten Vogel aushält. Wenn nicht, muss eine stärkere Schnur genommen werden.
Die Schnurstärke soll voll ausgenutzt werden. Mit den ersten aufsteigenden Einheiten werden deshalb die Luftverhältnisse erkundet, dann kann man sich entscheiden, wieviele weitere Flächen eingesetzt werden können. Infolge der wachsenden Beanspruchung mit jeder zusätzlichen Einheit ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Ordnung in der Stärke der verbindenden Schnüre. Die oberen Kupplungsstücke sind dünner, die unteren für den vermehrten Zug stärker.
Das schwere Haupthalteseil reicht auf diese Weise nicht bis oben hin und belastet das Gesammtgewicht nur in der sparsamsten Weise.
Am besten werden schon vorbereitend die fertig abgepassten Kupplungsstücke von 30 oder 50 oder 100 m Länge nach Schnurstärken geordnet bereitgelegt.
Ohne Schnurordnung geht es nun einmal nicht.
Wenn nun Höhenwind herscht und am Boden Windstille ist, wird der Drachenzug fertig montiert und linear auf der Wiese ausgelegt. Man benötigt viel Platz und muss ein sicheres Gefühl für die Windrichtung in der Höhe haben. Alle Luftbremsen sind sauber nach rückwärts ausgelegt, die Kupplungsstücke liegen gestreckt und die Rumpfspitzen schauen nach der Haspel. Wenn diese nun kräftig durchgezogen wird, gehen die Drachen alle auf einmal hoch. Schreitend wendet man sich gegen den Wind, bis ihn die Vögel spüren.
Die erste Erfahrung, die man macht, ist, dass man die Schnur nicht zu schnell und zu unvermittelt von der Haspel schiessen lassen darf. Die Drachen sinken sonst trudelnd zurück, und schon hat sich einer der Drachenschwänze im Halteseil verfangen. Da hilft auch nichts anderes, als wieder einzuziehen und die Verwicklung beheben.
Ein Drachenzug will mit Gefühl geführt werden.
Wer ungeschickt führt, kann es erleben, dass die Drachenschnur reisst, ehe er sich recht versieht. Das gilt schon für den Gebrauch des Einzeldrachens und somit noch viel mehr für die Drachenkette. Die grösste Beanspruchung der Schnur liegt beim Hochziehen aus der flachen Schnurlage in die steile. Der Drachen führt dabei eine Eigenbewegung gegen den Wind aus.
Für ihn bläst gleichsam der Wind auf einmal viel stärker. Das gibt ihm im Augenblick einen grösseren Auftrieb, das heisst er steigt schneller. Das schnellere Ansteigen bewirkt wiederum eine grössere Eigenbewegung gegen den Wind. So steigert sich der Drachen oder Drachenzug selbst in eine Eigenanregung, welche den Schnurzug in kürzester Zeit stark ansteigen lässt.
Für den Mann an der Schnur kann dies sehr unvermittelt kommen. Er denkt vielleicht an eine Boe, oder meint, dass eine lebhaftere Luftströmung aufgekommen sei.
In Wirklichkeit tritt dieser Effekt aber bei konstanter Luftbewegung auf, und zwar am stärksten bei flacher Schnurlage. Man darf deshalb die Leine nicht einfach festhalten. Man wird zügig nachgeben, ohne den Vogelzug wieder aus dem Steigen herausfallen zu lassen.
Beim Höhergehen und beim Schnurgeben wird besondere Steigzeiten eingelegen und damit vermeiden, dass die Schnur in eine flache Lage kommt. Wenn der Start bei einiger Übung geglückt ist, gibt so ein geschlossenes Geschwader von vier oder gar sechs Einheiten ein unwahrscheinliche schönes Bild. Die Windvögel halten sich bisweilen ganz still. Der Pulk steht ruhig übereinander, und plötzlich teilt sich gleichmässig und schnell überspringend von oben nach unten oder von unten nach oben den einzelnen Piloten eine eigentümliche Bewegung mit. Wir haben schon dreizehn Einheiten an einer Strippe gestartet.
Das ist sehr aufregend, das ist schon mehr als ein Spiel, das ist Sport, und ganz buchstäblich ist es ein Kampf mit dem Drachen.
Es geht in die Arme, man braucht Helfer, man braucht ruhige Nervensowohl für das Geschwader als auch für die Helfer und schliesslich nicht zuletzt für die vielen Zuschauer, die den Platz beengen.
Derweilen steht hoch oben am blauen Himmel die rote und weisse Kette in fast senkrechter Staffelung und zieht mit genau ausgerichteten Luftbremsen dahin, von meiner Hand geführt. 

von H. Neumann
Drachenbau und Drachensport
aus Machanikus 1954/55