Herbstbunte Verwirrung


Die Blätter fallen von den Bäumen, und erste Nebelschwaden durchstreifen die kühlen Morgenstunden. Der Herbst kündigt sich an. Hans widmet sich an den stillen Abenden vermehrt seiner Familie, er erzählt von früher, schwelgt in Erinnerungen und beschließt spontan, mit seinem Sohn einen Drachen zu bauen. Auf einem Bogen Schreibpapier entwirft er den kühnen Windgleiter:

"Die Spannung muß stimmen, mein Sohn", läßt er Benni an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben. "Natürlich ist auch das Verhältnis der Seitenlänge zur Gesamtlänge wichtig und die Länge und Schwere des Schwanzes zum Ausbalancieren des Anstellwinkels des Fluggerätes im Verhältnis zu Windstärke, Auftrieb und Thermik. "Ja, Papa!" Entschlossen nimmt Hans nach der Konstruktion auch die Planung und Beschaffung der Bauteile in die Hand. "Da kann man nicht irgendein Papier nehmen", unterrichtet er Benni, "es muß haltbar und leicht zugleich sein. Aber besonders wichtig sind die Leisten für die Grundkonstruktion. Sie müssen sich geschmeidig biegen und gleichezitig dem Wind einen festen Widerstand entgegensetzen." "Ja, Papa!" "Morgen nehme ich mir zwei Stunden eher im Büro frei. Wir kaufen gemeinsam alle Materialien ein, und am Wochenende wird gebastelt, was die Klebetube hergibt!" "Ja, Papa!"

So marschieren Vater und Sohn voller Tatendrang am nächsten Tag in die naheliegende Einkaufsstraße. Papier und Kordel sind nach wenige Minuten bei McPappe erstanden. Jetzt fehlen nur noch die Leisten. "Kein Problem: die habe ich früher immer im Tapetengeschäft gekauft. Dort werden wir sie sicher auch heute finden. "Ja, Papa!" Beschwingt betritt man das Tapetengeschäft. Die Frage nach "eine Tapetenleiste" wird vom Verkäufer mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntis genommen."Welche Tapetenleiste hätten Sie den gern", fragt er gelangweilt,

"Eiche, Buche, Mahagoni oder Zeder? Geschweift, geschwungen, proffiliert oder gefräst? Hochglänzend, matt oder naturgebeizt?"

Hans verschlägt es die Sprache. "Eine Tapetenleiste für einen Drachen!" springt Benni ein. "Wir führen nur Dekorationsleisten zur Raumgestaltung und keinen Bastlerbedarf", meint der Verkäufer hochnäsig und wendet sich einer eintretenden Kundin zu."Nie wieder setze ich einen Fuß in dieses Geschäft", ärgert sich Hans und zieht Benni an der Hand hinter sich her. "Wir versuchen es einfach im Spielwarengeschäft. "Dort gibt es bestimmt Drachenleisten", meint er laut und zuversichtlich."Ja, Papa!"

Doch das Spielwarengeschäft schickt ihn zum Baumarkt, der Baumarkt zum Parkettverleger, der Parkettverleger ins Kaffeegeschäft. "Die haben doch alles", und das Kaffeegeschäft will sich für die Sortimentsaufnahme von Drachenleisten bei der Zentrale stark machen. Unschlüssig sehen Vater und Sohn in der belebten Straße." Laß uns doch einfach Fußball spielen", schlägt Benni vor. "Von mir aus", ringt Hans nach Fassung, "gehen wir also ins Sportgeschäft und kaufen einen Ball." "Fußbälle gibt´s nicht im Sportgeschäft", lacht Benni verschmitzt, Fußbälle gibt es in der Drogerie!"

- Drachenerlebnis aus Sachsen -